Hans Zengeler

Traumtänzer

Der Hotelportier Eduard nutzt seine letzte Nacht in diesem Job, um Bilanz zu ziehen: "Ich überschreite demnächst die sogenannte Mitte des Lebens und bin immer noch nichts" resümiert er und erzählt allerhand Geschichten über sich: wie er 68 der intellektuellen Avantgarde hinterherlief, wie er angeblich Henry Miller kennenlernte, in Wien mit Künstlern herumvagabundierte, als Theaterkritiker einen einzigen überaus peinlichen Artikel schrieb und gefeuert wurde, wie er in den übelsten Kneipen monatelang soff oder bei einem vermeintlichen Zigeuner die "große Freiheit" erlebte.

Leider scheinen alle diese Geschichten nicht gerade wahr zu sein. Immer wieder revidiert er die Geschichten und erzählt neue Versionen, die er erneut relativiert. Eduard lügt stets den anderen und sich selbst die schönsten Geschichten in die Tasche: "Mag er doch mißtrauisch sein, ich verteidige diese Version, nicht nur weil sie hübsch ist, sondern weil sie mehr ausdrückt als das, was tatsächlich geschah." Dabei fällt Eduard jedesmal auf die Nase, und er schafft es einfach nicht, seinen größten Wunsch zu verwirklichen: Ein ganz normales, kleinbürgerliches Leben.
Was Eduard durchlebt, nennt man wohl gemeinhin "Midlife-Crisis". Er selbst sieht sein Leben jedoch ausschließlich als ein Sammelsurium verpatzer und verpaßter Gelegenheiten, die vielfach am Rande der Gesellschaft spielen. Die Außenseiter, die "Looser", erscheinen aber nicht als Mitleid erweckende Gestalten, sie werden aus ironischer Distanz von einem der ihren gesehen; sie werden noch etwas anderes, nämlich Figuren in Geschichten in Eduards Geschichte, und Geschichten sind meistens erfunden: Biographie - ein Spiel.

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Hans Zengeler. Traumtänzer
Roman. G. Braun, 160 Seiten.
ISBN: 3-765-08121-3

© Matthias Kehle

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