Für seine bisher vier Romane ist der 42-jährige Freiburger Autor Joachim Zelter mit
Auszeichnungen überhäuft worden. Zu Recht, denn in "Die Lieb-Haberin" oder "Das
Gesicht" brilliert Zelter mit einem charmant-unterkühlten und sehr eigenen Humor. Nun ist ein
Band mit Erzählungen erschienen. Unter dem Titel "Betrachtungen eines Krankenhausgängers"
versammelt Zelter sechs Geschichten, die den Eindruck machen, als seien sie beiläufig entstandene
Fingerübungen des Romanciers. Doch auf welchem Niveau bewegen sich diese Etüden! In der
Titelgeschichte bereitet sich ein nervöser Hypochonder mental auf eine Routine-Operation vor als
stünde ihm ein leibhaftig qualvolles Sterben ins Haus, in einer anderen verliebt sich ein
Unfallopfer auf dem Weg in den Operationssaal in die "Schleusenwärterin". Natürlich
erzählt Zelter nicht nur Krankenhausgeschichten, denn das wäre kaum auszuhalten, schließlich ist
der Operationssaal nicht unbedingt der Ort, an dem sich mit feinem, fast britischen Humor
Betrachtungen über das Leben machen lassen. Zwei der Erzählungen sind eigentlich verkappte Essays.
"Vortragsreisende" etwa parodiert das Genre, in "I want you" philosophiert
Zelter etwas ernster über die Art der Rekrutierung von Soldaten für den ersten Weltkrieg.
Joachim Zelter schweift ständig ab und scheint jeweils am Anfang nicht gewusst zu haben, wohin
seine Geschichte führen soll, doch stilsicher und elegant landet er oft bei einer kleinen Pointe.
Nach vier Romanen und einem halben Erzählungsband jedoch unterläuft ihm ein Patzer, eine
moralinsaure Geschichte von einer Frau, die tagelang Wind und Wetter ausgesetzt Namen aus einem
Buch vorliest, Namen von Ausschwitz-Opfern. Doch schon bei Zelters nächster Erzählung ist der
kleine Fauxpas angesichts der grandiosen Fabulierkunst vergessen.
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Joachim Zelter: Betrachtungen eines Krankenhausgängers. Erzählungen. 190 Seiten,
Klöpfer & Meyer, 18,90 Euro.
ISBN 3-937667-01-6
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