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Der polnische Autor Adam Zagajewski, geboren 1945, hat seine Erinnerungen zusammengetragen. Der
Titel "Ich schwebe über Krakau" ist durchaus wörtlich zu verstehen. Zagajewski betrachtet
die Stadt, in der er studierte, wie aus der Vogelperspektive. In einem Winkel seines Gedächtnisses
entdeckt er dabei einen alten Professor: Er "zoomt" die Erinnerungen näher und
erzählt die Geschichte dieses Mannes, der sich auf schrullige Weise dem Regime verweigert. In einem
anderen Winkel findet er Verwandte, etwa eine Tante, bei der der junge Karol Wojtila ein- und
ausging. Zagajewskis Erinnerungen sind warmherzige Portraits von Menschen, Straßen, Gassen,
Gebäuden. Der Kampf der Menschen mit dem Kommunismus oder deren innere Emigration finden sich in
kleinen Anekdoten wieder. Die Armut und den Zerfall Krakaus spiegelt Zagajewski an seinem
gegenwärtigen Aufenthaltsort Paris:
Geh durch enge Gassen und über breite Boulevards, nach einiger Zeit ... wirst du verwundert
feststellen, daß in dieser talentierten Stadt selbst feuchte Gehsteige zu einer langen Leinwand
werden, die, wie in Pissarros oder Monets Atelier, den Himmel spiegeln, die Wolken, die Dächer und
die kapriziösen Schornsteine alter Wohnhäuser.
Die Erinnerungen an Krakau bleiben Fragmente, jeweils wenige Seiten lang. Zwischen diesen
Bruchstücken notiert Zagajewski melancholische Reflexionen und Aphorismen, oft völlig unvermittelt
("Was die Interpunktionszeichen betrifft, am eitelsten ist der Punkt. Nach mir die
Sintflut...").
Seine Eltern flohen mit dem kleinen Adam aus der Geburtsstadt Lemberg in die Industriestadt
Gleiwitz; erst als junger Mann kommt er nach Krakau, "ein drittes Vaterland" und
"eine Stadt der Einbildungskraft" - ein Schicksal typisch für Polens Geschichte.
"Ich schwebe über Krakau" besteht denn auch aus zwei Teilen: Der zweite, schmalere Teil
erzählt die Geschichte seiner Kindheit in Gleiwitz mit beständiger Sehnsucht nach der Heimatstadt
Lemberg. Interessanterweise sind diese Erinnerungen nicht fragmentarisch und von Reflexionen
durchsetzt, sondern linear erzählt, als seien sie eine Rückkehr zur Harmonie der Kindheit.
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Adam Zagajewski. Ich schwebe über Krakau. Polnische Städtebilder.
Roman. Carl Hanser Verlag, München.
ISBN: 3-446-19923-3
© Matthias Kehle
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