|
| |
Sprachskepsis? Sprachdeformation? Avantgarde? Und das inmitten der Postmoderne? A. J. Weigoni
betreibts auch wieder in seinem Buch "doppelKopf". Hier geschieht
"linguistische kern/spaltung" unter Zuhilfenahme aller Tasten des Computers, (z.B.
"aint/setzen" oder "vor B halt!"); der Autor "suhlt
... in den dialekten, auch wenn das, was dabei herauskommt, ein bizarres Kauderwelsch
ist."
Die Handlung ist zunächst sekundär. Sie könnte auch eine beliebig andere sein, da
sie lediglich als Rahmen dient für die Spracheigenheiten der vier Protagonisten, die nicht
charakterisiert werden, sondern sich allein sprachlich-stilistisch voneinander unterscheiden.
über 90 Seiten hinweg wird Karten gespielt, geplaudert, erzählt, philosophiert,
vorgelesen. Mal bewegt sich das Gespräch auf einem intellektuellen, bildungsbürgerlichen
Niveau, mal wird es jäh unterbrochen durch das proletarische Trinkerbewußtsein eines der
Täter, der in schnoddrigem, dem Kölschen ähnlichen, Dialekt, das ganze Geschwafel
beendet, in dem er das nächste Bier anfordert oder gar einschläft
Natürlich ist das Gespräch wirr, sprunghaft assoziativ, ideengeladen; der Autor schweift
ab und schiebt Zitate ein, was dem Leser angesichts der ungewöhnlichen
Sprachveränderungen mindestens zu Beginn Schwierigkeiten macht, da er sich zunächst an
der fehlenden Standard-Orthographie festbeißt. Die Erzählfetzen, die Kalauer, der
Nonsens und das bloße Geschwätz lesen sich mit viel Spaß, zumal Weigoni gekonnt
die Eigenheiten der zeitgenössischen jugendlichen Sprachverwendung von Ende der 80er-Jahre des
letzten Jahrhunderts parodiert und sich hierbei als zynischer Sprachforscher gebärdet. Weigoni
macht die Sprache "zum spielBall ihres eigenen diskurses", er nimmt sie nicht
ernst, indem er sie ernst nimmt, wobei entlarvende Deformationen zustande kommen, zum Beispiel
"perverse hIRRne" oder "artIQlieren". Wie sehr Weigoni mit
der Sprache spielt, wird auch an literarhistorischen Verweisen deutlich: Er kennt sich aus und das
zeigt er. So die Anspielung auf die anagrammatische Umstellung des Namens in Kleists Erzählung
"Der Findling": "gerade als ich das scrabble von N.I.C.O.L.O. nach
C.O.L.I.N.O. um/legen konnte..."
Beim Lesen hat man oft den Eindruck, Weigoni hat einfach den Cassettenrecorder laufen lassen, dann
die besten Partien notiert und deformiert, eben "orale Praxis" betrieben. Damit
liegt er gut in der Tradition der Moderne; seinem sprachskeptischen Anspruch wird er aber nicht
unbedingt gerecht. Die "sprachdefloRation" des "syntaktierenden
Eulenspiegels" (Karl-Heinz Schreiber) ist willkürklich und mit dem Zufallsgenerator
betrieben; sie gehorcht keinem Prinzip, außer daß sie keinem Prinzip gehorcht. Es war
eben alles schonmal da; was bleibt ist ein amüsantes Buch: "der spielRaum für
ex/perimente kann hemmungslos ausgenutzt werden."
![[Neues Fenster] Link zu Amazon Link zu Amazon](http://images-eu.amazon.com/images/P/07226536.03.MZZZZZZZ.gif)
A. J. Weigoni. Doppelkopf
Roman. Autorenedition wider besseres Wissen,
ISBN: 0722-6536
© Matthias Kehle
> |
|
|