André Weckmann

Tamieh. Heimat

Heimat ist "ein nicht enden wollendes Rudern durch einen Algenbrei", läßt André Weckmann den Protagonisten Pierre/ Pit/ Peter seines neuen Romans "Tamieh. Heimat" sagen. Heimat ist ein zentrales Thema im Werk des Achzigjährigen, auch wenn er in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift "Allmende" zitiert wird, "er habe den Krieg und das Elsaß literarisch satt; er schreibe jetzt nur noch Liebesgedichte." Einstweilen nimmt der kleine Roman zum letzten Mal dieses Thema auf.

Ein alter Mann hält Rückschau auf sein Leben. Der Elsässer wird im zweiten Weltkrieg von den Nazis zwangsrekrutiert, danach zieht er quer durch Europa. Skandinavien, England, Schottland, Paris und Israel sind einige der Stationen. Weckmann erzählt bruchstückhaft Geschichten, Anekdoten und rekonstruiert vorsichtig die Erinnerungen und Bilder Pierres/ Pits/ Peters. Mal nennt dieser sich mit seinem elsässischen Namen, mal mit deutschem oder englischen, mitunter auch dem russischen Pjotr, je nachdem, welche Identität Pierre annehmen muss. Immer wieder kehrt er gedanklich und real zurück in seine Heimat oder um genau zu sein auf eine kleine, verwilderte, ja verwunschene Waldlichtung mit einem See, eine Art Paradies, das Pierre "Tamieh" nennt - die Inversion des Wortes "Heimat". Es ist ein Wunschort, der eine bruchstückhafte Biografie zusammenhält, die vor allem in der Liebe eine zeitweise Bleibe findet.

Weckmanns "Tamieh" mag zahlreiche autobiografische Bezüge enthalten. Er thematisiert auch noch einmal seinen lebenslangen Kampf um das Elsässische Idiom, "ein nicht enden wollendes Rudern durch einen Algenbrei": "In ein paar Jahren wird vom alten Sprachschatz nur noch das Verdammi übrig geblieben sein, so sehr haben sie das perverse Axiom verinnerlicht, das ihnen seit Jahrzehnten von den Schulmeistern und der Bourgeoisie eingepaukt wird: Die Moderne, die Zukunft kann nur einsprachig französisch sein, Zweisprachigkeit sperrt euch in ein nostalgisches Getto ein."

© Matthias Kehle

André Weckmann: Tamieh. Heimat. Roman. Gollenstein-Verlag, Blieskastel. 220 Seiten, 19,50 Euro. Mit einem Nachwort von Günter Scholdt. ISBN 3-935731-05-1