|
| |
Die klassische Moderne, wie sie alle westlich orientierten Kulturen durchgemacht haben, hat -
was die Lyrik betrifft - Hugo Friedrich in seinem immer noch gültigen Klassiker "Die
Struktur der modernen Lyrik" beschrieben. Unsere Lektüregewohnheiten sind an dieser
klassischen Moderne orientiert, und wenn ein Dichter seine lebenden oder toten Kollegen nicht
rezipiert hat, schreibt er selbst meist Gedichte, die wir im besten Falle nicht lesen wollen.
Was aber mit Dichtern fremder Kulturen, zum Beispiel koreanischen? Seltsam unmodern wirken manche
Texte von KO Un, einem der bedeutendsten lebenden Lyriker aus Südkorea. So beschreibt er etwa
eine Insel als "ein leerer Leib, der schon nicht mehr besitzt,/ was er ersehnt", er
notiert über einen Baum: "Ist er nicht Leben und Tod/ dieses Landes?" - ein
Vergleich, der im europäischen Sprachraum allzu verbraucht wäre. Konventionell erscheint
vieles, was KO Un schreibt, zumal oft nah an der Prosa. Doch wissen wir, die wir das Koreanische
nicht beherrschen, wie formbewusst der Autor ist, wieviel von Rhythmus, Vieldeutigkeiten einzelner
Begriffe, Anspielungen und Zitaten in der übersetzung verloren gegangen sind?
Das Nachwort klärt nicht wirklich auf, denn es erzählt weitgehend die wechselvolle
Biografie des KO Uns und erläutert nur am Rande die Bedeutung seiner Texte für die
koreanische Sprache. KO Un wurde 1933 geboren, war lange Zeit buddhistischer Mönch und schrieb
zunächst Naturlyrik. Später kämpfte er für die Rechte von Autoren und
Intellektuellen, vor allem aber für Demokratie. Dafür mußte er Folter und
Gefängnis ertragen, überwand aber auch seine Depression, die ihn in Selbstmordversuche
trieb, weil er die Vergänglichkeit des Lebens nicht mehr zu ertragen verstand. Zwischen den
Polen "Naturlyrik" und "politsche Gedichte" angesiedelt sind auch die Texte im
Auswahlband des Pendragon-Verlages, zwischen Pathos und Alltagssprache varriert der Tonfall
("Am Horizont meines Herzens/ lasse ich Dich ruhen." vs. "Hallo, Ihr unsere
Kunstmaler!/ Warum kennt ihr diese Welt, erfasst diese Zeit nicht,/..."). Mal thematisiert der
Autor einen Rausch, mal den Planeten Venus, mal die Mutter, mal die Waffenstillstandslinie.
Der Leser erfährt, dass die Gedichte aus zwei der vielen Gedichtbände KO Uns
zusammengestellt wurden. Was der Leser jedoch nicht erfährt, wann diese beiden Bände
erschienen und in welchem Lebensabschnitt des Autors sie anzusiedeln sind, denn so wie es scheint,
spielen biografische Erfahrungen im Werk KO Uns eine wichtige Rolle. übrigens sind auch die
Anmerkungen zu den einzelnen Gedichten mitunter wenig erhellend, bisweilen überflüssig,
etwa wenn aus dem Gedicht selbst erkenntlich ist, dass "Hong-do" ein Vorname ist und dies
auch noch in einer Anmerkung notiert wird. Insgesamt also wird der deutsche Lyrik-Leser KO Uns von
den beiden Herausgebern und Kommentatoren im Stich gelassen.
![[Neues Fenster] Link zu Amazon Link zu Amazon](http://images-eu.amazon.com/images/P/3929096986.03.MZZZZZZZ.gif)
KO Un. Ein Tag voller Wind
Lyrik. Pendragon, Bielefeld. 96 Seiten. 12.80 EUR .
ISBN: 3-929096-98-6
> |
|
|