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Finkenrath ist tiefste Provinz. Irgendwo am Niederrhein zwischen Köln und Aachen liegt
dieses Kaff, es sind "652 km nach Berlin" - so der Titel des dritten Romans von Silvia
Szymanski.
Die Heldin der Geschichte ist eine junge Frau. Es ist Sommer, sie fährt Bus, hört dem
banalen Geschwätz der Busfahrer zu, beobachtet Kinder, geht ins Freibad und besucht ihre
Tanten und Cousinen. Außerdem träumt Sofia intensiv und heftig: "Ich legte meinen
Kopf auf die Brust eines Mannes, dann wurde sie flüssiges, dunkelbraunes Glas und ich tauchte
durch sie in die Erde." Sofia ist also ein typisches Kind der Provinz, und es geschieht nicht
viel in diesem Konglomerat von Träumen, Busfahrten und spiritistischen Sitzungen. Wäre da
nicht Sofias Freund Amir, der von einem osteuropäischen Familienclan verfolgt wird, weil er
die Frau, die er entjungfert hat, nicht heiraten will. Amir schlägt sich durch's Leben,
indem er Plakate klebt und Häuser entrümpelt. Im Keller des alten Kulessa findet er
Ungewöhnliches: Er stößt auf eine Unmenge von Kinderknochen aus dem 16.
Jahrhundert.
Silvia Szymanski erzählt wunderbar von einem ganz normalen Leben. Die ängste, die
Wünsche, das Banale, der Tod und die Philosophien der Tanten vom Niederrhein - das ist es, was
Sofias Dasein ausmacht. Doch in Kulessas Keller finden sich nicht nur Knochen, sondern auch
verschlungene Gänge, die in andere Keller führen, wo Sofias Kinderspielzeug vor sich
hingammelt und das sie seltsam berührt. Es ist also doch nicht das ganz normale Leben, das
sich in diesem kleinen Roman abspielt, denn die Knochen erzählen ebenso alte Geschichten, wie
das Spielzeug oder die Erinnerungen an die Großmütter und Großväter:
Geschichten erzählen Geschichten, und am Ende jeder Geschichte steht der Tod. "652 km
nach Berlin" ist ein schönes Buch, das in einem Sommer voller Leben spielt. Und es ist
todtraurig zugleich.
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Silvia Szymanski. 652 km nach Berlin
Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg. 208 Seiten. 21.90 EUR .
ISBN: 3-455-076009
© Matthias Kehle
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