Jorge Semprun |
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Netschajew kehrt zurück |
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Eine Handvoll junger Leute gründet die "Proletarische Avantgarde" und verschreiben sich dem terroristischen Klassenkampf. 1974 löst sich die Bande auf, alle Mitglieder wollen in ein geregeltes bürgerliches Leben einsteigen. Bis auf Daniel Lauren¢on, dessen Pseudonym "Netschajew" ist, ein russischer Anarchist aus dem vorigen Jahrhundert. Die Aussteiger befürchten jedoch, von Lauren¢on denunziert zu werden und beschließen, ihn zu töten. Anscheinend kommt er auch bei einem inszenierten Unfall in Guatemala ums Leben. 1986 wird Luis Zapata ermordet. Elie Silberberg, wie Zapata mittlerweile im bürgerlichen Leben etabliert, entkommt knapp einem Attentat. Allmählich erkennen die ehemaligen Freunde, daß Daniel Lauren¢on lebt und zurückgekehrt ist, um sich zu rächen für das Todesurteil. Ganz so simpel ist die Geschichte jedoch nicht. Auf den 350 Seiten entwickelt sich eine komplizierte Erzählung mit vielen verwirrenden Rückblenden. Der Leser wird hineingerissen in den Sog eines undurchsichtigen Komplotts. Jorge Semprun bedient sich dabei einiger ungewöhnlicher Erzählmittel. Der Leser, der keine Ahnung hat von linkem Terrorismus, weiß nicht, inwieweit die Geschichte erfunden ist. Semprun mischt geschickt zahlreiche TatSachbuchendarstellungen mit Fiktion, essayistische und selbstreflektorisch-poetologische Passagen mit allerlei Aktualitäten wie Tschernobyl und Gorbatschow, sodaß man nicht umhinkommt, mit Bleistift und Lexika bewaffnet, herauszufinden, was tatsächlich gewesen sein könnte. Vorausgesetzt, man will das überhaupt. Will man das nicht, so hat man einen spannenden Krimi vor sich, in etwa nach dem Strickmuster von Ecos "Name der Rose". Verblüffend ist übrigens die Diskrepanz zwischen intellektueller Reflexion und
trivialem Krimigeschwätz: Jorge Semprun hat viel aus seinem eigenen Leben erzählt. Er wurde 1923 in Madrid geboren,
seine Familie floh während des spanischen Bürgerkriegs nach Frankreich, wo sich Semprun
der französischen Résistance anschloß. 1943 wurde er verhaftet und nach
Buchenwald deportiert, wo sein Roman auch seinen Ausgangspunkt hat mit dem Tod des Vaters von
Lauren¢on, der an den Deportationsfolgen stirbt. 1945 trat Semprun der KP Spaniens bei, stieg
in die Führungsspitze auf und leitete die Untergrundarbeit. 1964 wurde er wegen Revisionismus
aus der Partei ausgeschlossen, und später war er spanischer Kulturminister.
© Matthias Kehle
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