Hans-Joachim Sell

Joseph Conrad besucht seine übersetzerin

Im Jahre 1921 reist der Schriftsteller Joseph Conrad nach Paris, um sich mit seiner übersetzerin zu treffen. Doch während der beiden langen Gespräche geht diese mit keinem Wort auf Conrads zu übersetzendes Werk ein, sondern erzählt von einem österreichischen Schriftsteller, den sie maßlos bewundert. Dieser Autor, dessen Hauptthema Pferde sind, führt ein seltsames Doppelleben. Einerseits ist er ein umtriebiger Adliger, andererseits lebt er zurückgezogen in einer kleinen, geheim gehaltenen Wohnung. Während der endlosen Monologe der alten Dame wird Conrad immer mehr an die Zeit vor und während des ersten Weltkriegs erinnert, als "eine riesige Horde von Pferden geopfert" wurde. Auf der Rückreise fragt er sich schließlich, ob die alte Dame ihm nicht eine Geschichte hat schenken wollen.
Hans Joachim Sell schreibt im Vorwort seiner phantastischen Erzählung "Joseph Conrad besucht seine übersetzerin" "Einzelheiten aus dem Leben Joseph Conrads oder anderer Personen, von denen die Rede ist, werden hier so verbunden, gemischt, gereiht, wie es für die von mir erfundene Geschichte richtig, angemessen, logisch erschien. Einzig den Rechten der Einbildungskraft fühlte ich mich verpflichtet". Diese Einbildungskraft schuf allerdings mehr langwierige Monologe und Detailaufnahmen für Pferdeliebhaber als eine farbige, einfallsreiche oder gar spannende Handlung. Was Sell auf 90 Seiten erzählt, ist vielleicht für Kenner des Werkes von Joseph Conrad aufschlußreich ("Dem in die wahre Lebensgeschichte und die Werke Conrads Eingeweihten wird es leicht gemacht herauszufinden, wo überall die Phantasie dem großen Dichter Joseph Conrad gehuldigt hat"), allen anderen bleibt der fade Nachgeschmack einer dünnen Suppe.

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Hans-Joachim Sell. Joseph Conrad besucht seine Übersetzerin
Roman. G. Braun, 92 Seiten.
ISBN: 3-765-08149-3

© Matthias Kehle

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