Manfred Schneider |
||||||||
Der Barbar |
||||||||
|
Die Sex Pistols, Ernst Jünger, Martin Luther und Jesus haben eines gemeinsam: Sie sind
Barbaren, jedenfalls nach der Analyse des Literaturwissenschaftlers Manfred Schneider. Der
Barbarenbegriff steht - ihm zufolge - in der abendländischen Geschichte neben elementaren
Termini wie Wahrheit, Natur, Liebe, Gott, Mensch oder Frau. Der Barbar kann als Unschuldsbarbar
oder als Endzeitbarbar auftreten. Der Unschuldsbarbar ist ein Zivilisationskritiker, der die Kultur
zur Natur oder zur Wahrheit zurückführen möchte, der - wie Jesus oder Luther - der
gegenwärtigen Vielfalt der Meinungen und Lehren sowie der Verdorbenheit der Sitten eine neue,
reine, einfache Lehre entgegenstellt. In diesem Jahrhundert sind viele dieser
"barbarischen" Bewegungen entstanden, etwa die Wandervogelbewegung, die Jugendbewegungen,
aber auch Dada, welche den verwirrenden Semantiken der Kultur eine neue, einfache, wenn auch
unsinnige, entgegenstellte. Der Endzeitbarbar hingegen wütet. Er liquidiert die Gesetze,
vergewaltigt, raubt, mordet und schändet die Symbole und Zeichen, um selbst die Erinnerung an
die zu tilgende Kultur zu beseitigen. Auch der Endzeitbarbar will die Zivilisation retten. Seine
Argumente für das Ende von Demokratie und Pluralismus sind die Rettung des Nationalstaats, die
Beseitigung verdorbener, entarteter Kunst, die Schaffung arischer Rassen etc. Die Beispiele sind
endlos und reichen von den großen Kriegen bis zu Skins, Punks und Hooligans, deren
barbarisches Zeichenrepertoire der Autor semiotisch unter die Lupe nimmt.
© Matthias Kehle
|
|
|||||||