Walle Sayer

Irrläufer

Die zeitgenössische deutsche Lyrik ist oft sperrig, pathetisch und erfordert eine ordentliche Portion - meist klassischer - Bildung. Nicht so die Gedichte von Walle Sayer, der eine ganz andere Tradition fortsetzt, die eigentümlicherweise vor allem im deutschen Südwesten beheimatet ist, nämlich die Tradition von Eduard Mörike, Rainer Brambach oder Walter Helmut Fritz. Sayer, u.a. Thaddäus-Troll-Preisträger, vertraut in seinen Gedichten auf das Unauffällige, den Alltag und vor allem die Erinnerung. Es sind lakonische, oft kurze Texte, "Untertourig laufend, künftigen/ Ahnenforschern hinterher, im Hü und Hott/ der Tage, Gelassenheit ein Vorsprung." Die ländliche Gegend seiner schwäbischen Heimat bietet den geografischen Hintergrund, mal ist es ein "Verlassener Sportplatz" mit "krummgestreuter Auslinie", mal "Stiegenknarren, Heimwehkraut". Er benennt Ort und Zeit: "Bierlingen, November 1977", "Trillfingen, September 1966". Walle Sayer skizziert keine Idyllen: "abends das Gesicht in den Spiegeln/ stinkender Wirtshausaborte, die Furcht,/ daß nichts mehr gut wird." Auch wenn "ein rostiger Faßring wie dieser.../ den Mittelpunkt der versunkenen Welt" markiert, die Kindheitsgeschichten und "Vaterbilder" werden von "Abortgruben" oder "vom Klee geblähten Leib der Kuh" geprägt. Eines der stärksten Gedichte ist die "Onkelhymne", ein Onkel, der "Erstgeborener war und Nachzügler in einem,/ Päckchensuppen anrührt und mit Fleckensalz würzt, / das Herbstlaub in den Dachrinnen einfach faulen läßt/ weiterhin so tut, als würd er auf die Letztbeste warten..."
Einer der Zyklen in Walle Sayers neuem Gedichtband heißt "Hörtest", und Sayer hört genau hin, hört in die "hiesige Kirche" oder auf "Das Schaben/ einer stumpfen Klinge über graue Bartstoppeln." Walle Sayers Gedichte mit ihren subtilen Bildern erinnern daran, dass vieles noch geblieben ist, was war. Es sind Gedichte "in schwarzrandiger/ Ausschachtung...darin ein jeglicher/Laut erschrickt/vor sich selbst."

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Walle Sayer. Irrläufer
Lyrik. Klöpfer&Meyer, 108 Seiten. ISBN: 3-931-40256-8

© Matthias Kehle

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