Lutz Rathenow

Jahrhundert der Blicke

Seit einigen Jahren publiziert der Landpresse-Verlag bibliophile Gedichtbände und gewaltige Anthologien mit allen wichtigen und unwichtigen deutschen Lyrikern. Der Verlag bemüht sich redlich, die Lyrik aus ihrem Mauerblümchen-Dasein zu befreien. Mit den neuen Gedichten von Lutz Rathenow ("Jahrhundert der Blicke") kann das aber kaum gelingen. Die 36 Gedichte und Prosagedichte stellen ein merkwürdiges Sammelsurium dar. Mal sinniert der Dichter über das "Neue Deutschland" oder plaudert über den Kapitalismus, mal kompiliert er die Ereignisse eines Tages im September 1995: DPA-Meldungen als Kalenderblattlyrik. In den meisten Fällen übt sich Rathenow als politischer Lyriker, als Beobachter des "Krankheitsbilds Ost", doch wollen im keine originellen Erkenntnisse gelingen, oft genug mißbraucht er Sprache ideologisch ("Freiheit Gleichheit Dummheit"). Manches fängt platt an ("Es war einmal kein Staat,/der wollte einer sein") und endet auch noch in einer Pointe ("Beifall,/ lang anhaltender, betäubt/ zuerst die Hände"). Wie jeder Dichter ist auch Lutz Rathenow melancholisch: In einem Urlaubsgedicht philosophiert er über die verrinnende Zeit, und auch hier findet er verblüffende Gemeinplätze: "Es dauert/ bis die Zeit/ langsamer läuft... Hineinhorchen in sich,/ wer immer das sei..." - das ist nahe an der Grenze zur Blümchenlyrik. Sprachlich adaptiert Rathenow das Parlando der 70er Jahre, zwischendurch wird man an Theobaldy erinnert oder an die Wilden vom Prenzlauer Berg.
Bei den bibliographischen Angaben steht zu lesen: "Eigentlich wollte Lutz Rathenow... keine Gedichte mehr schreiben." Der Verdacht drängt sich auf, daß er tatsächlich keine neuen mehr geschrieben, sondern in seiner Schublade gekramt hat, um noch einen schmalen Band füllen zu können. Ein Gedicht versah der Autor mit der Jahresangabe 1990, ein anderes mit 1983/1996. Schade eigentlich, denn der engagierte Landpresse-Verlag hätte besseres verdient, und Lutz Rathenow hat tatsächlich schon bessere Gedichte geschrieben!

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Lutz Rathenow. Jahrhundert dre Blicke
Lyrik. Landpresse, 48 Seiten.
ISBN: 3-930137-56-9

© Matthias Kehle

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