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Vor einigen Jahren war es die "Postmoderne", die Lyrikern wie Romanschriftstellern den
philosophischen Hintergrund lieferte für ausschweifendes Zitieren und Anspielen. Manchmal
kamen amüsante Bücher heraus, oft jedoch Bildungsschrott. Nun hat Jewgeni Popow, einer
der bedeutendsten russischen Gegenwartsautoren, einen wahrhaft postmodernen Roman geschrieben, der
eigentlich nur 65 Seiten umfasste, wären da nicht die 888 Fußnoten. Die Rahmenhandlung
ist rasch erzählt: Iwan Iwanytsch, ein aufstrebender Jungdichter in der maroden Sowjetunion
wandelt sich vom Saulus zum Paulus. Er mutiert angeregt durch einen Cannabis-Rausch zum
einflußreichen Politiker, der es versteht, gerade in Zeiten der Perestroika Fuß zu
fassen, reich und angesehen zu werden. Die Fußnoten erzählen parallel die Geschichte
eines Dichters, der stets mit dem Regime auf Kriegsfuß steht und es erst spät zu Ruhm
und Ehre gebracht hat, Popows Biografie läßt grüßen.
Die Fußnoten kommentieren nahezu jedes Wort. Hier wird auf einen (erfundenen oder real
existierenden) Lyriker angespielt, da ein Gedicht, Kinder- oder Trinklied zitiert - überhaupt
dreht sich das halbe Leben um Wodka, das andere halbe um Politik und Literatur. Popow erzählt
Anekdoten von Schriftstellern, Funktionären, ganze Geschichten in mehreren Varianten, die aus
seinem eigenen Fundus stammen und verworfen wurden, aber auch jede Menge Witze. Nur sind die Witze
für einen deutschen Leser, der die sowjetisch-russischen Verhältnisse nicht kennt, gar
nicht komisch. Bei den Gedichten und bei manchen Anspielungen ahnt man wenigstens, dass sie komisch
sein könnten. Leider scheinen darüber nur "Insider", also belesene Landsleute,
lachen zu können, und so bleibt für den nicht-russischen Leser ein Dickicht an
Geschichten, Gags und literarischen Verweisen, schrägen Vögeln und Parteibonzen. Popow
spielt überdies mit verschiedenen Sprachebenen, mit literarischer Sprache, Umgangssprache oder
politischen Floskeln, was die Lektüre noch mehr erschwert.
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Jewgeni Popow. Die wahre Geschichte der grünen Musikanten
Bestseller. Berlin Verlag, 382 Seiten.
ISBN: 3-827-00301-6
© Matthias Kehle
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