|
| |
Wer schon immer wissen wollte, weshalb es so viele Singles gibt und der Meinung war, Soziologen
können das sowieso nicht erklären, für den gibt es nun literarische Erhellung. Zwar
ist Matthias Polityckis "Weiberroman" alles andere als ein Weiberroman,
nämlich ein Männerroman, dafür erzählt er mit umwerfender Komik, wie man
Beziehungen verhindert und immer wieder allein dasteht.
Der Teenager Gregor vergräbt sich Anfang der 70er Jahre im Lengericher Häuschen seiner
Eltern hinter Pink-Floyd-Platten und gelangt mit Ach und Krach zum ersten Kuß. Mit seinen
Kumpels legt er beim Wettrülpsen Listen über die schönsten Mädchen an. Der Twen
Gregor trinkt, kalauert und studiert in Wien und lernt reihenweise schöne Wienerinnen kennen.
Seine Beziehung mit dem Model Tania ist jedoch völlig indiskutabel, denn mit ihr kann er sich
nicht einmal bei seinen Kumpels sehen lassen: Tania ist einfach "dumm wie Brot".
Gregor mogelt sich durch die Beziehung bis zum bitteren Ende. Der Mittdreißiger Gregor
Schattschneider, immer noch Hiwi an der Uni Stuttgart, lebt mit dem bildschönen Püppchen
Katarina zusammen. Die Chefstewardess drängt den armen Gregor dazu, endlich flirten zu lernen,
damit sie sich mit ihm in gewissen Gesellschaften sehen lassen kann. Gregor schwängert im
Rausch eine schwäbelnde Verkäuferin, Marke Sinead O'Connor, während Katarinas
Eifersucht immer seltsamere Blüten und sie schließlich aus der gemeinsamen Wohnung
treibt.
Am Schluß ist der Roman jedoch nicht zu Ende. Wie die diversen Anhänge, Fußnoten
und geschwärzten Stellen verraten, ist nicht Matthias Politycki, sondern Gregor
Schattschneider der Verfasser des Weiberromans. Schattschneider ist nämlich ebenso spurlos
verschwunden wie der ursprüngliche Editor des Romans, Eckart "Ecki"
Beinhofer, Schattschneiders bester Freund. Und so ist der Weiberroman nicht nur Realsatire auf die
Liebe in den Zeiten der Kohl-ära und davor, sondern auch eine verspielte Literaturparodie, die
die deutsche Literaturszene, einschließlich dem Stuttgarter Schriftstellerhaus, dem
Luchterhand-Verlag und Sarah Kirsch durch den Kakao zieht. Die Tatsache, daß Gregors
Liebesleben nicht sehr sinnlich ist und es im Weiberroman nicht gerade hoch hergeht, ruft
vielleicht wieder die Soziologen auf den Plan, denn wahrscheinlich entspricht Schattschneider dem
deutschen Durchschnittsmann. Und dieser hat gelegentlich Ähnlichkeit mit Hans Wurst.
![[Neues Fenster] Link zu Amazon Link zu Amazon](http://images-eu.amazon.com/images/P/3630869718.03.MZZZZZZZ.gif)
Matthias Politicki. Weiberroman
Roman. Luchterhand Literaturverlag, 424 Seiten.
ISBN: 3-630-86971-8
© Matthias Kehle
>
|
|
|