Michael Ondaatje

Handschrift

Berühmt wurde der in Kanada lebende Autor Michael Ondaatje durch die Verfilmung seines Romans "Der englische Patient", doch ursprünglich war der 1943 in Sri Lanka geborene Ondaatje vor allem Lyriker. Als Sohn holländisch-einheimischer Eltern gilt er zwar als Kosmopolit, zwar lebt er seit 40 Jahren in Kanada, doch mit seinem Gedichtband "Handschrift" kehrt Ondaatje in seine Heimat zurück. Viele Texte in dem schmalen, schön gestalteten Band sind zyklisch geordnete Langgedichte, in denen Ondaatje Krieg und Vergänglichkeit thematisiert und Geschichtsfragmente rekonstruiert: "Große Steinköpfe vergraben/ im Kreis flackernder Feuer/ während nächtlicher Fluten./ Aus einem Tempel geschleppt/ von den eigenen Priestern, / auf Sänften gehoben, mit Schlamm und Stroh bedeckt." Es sind eindringliche Bilder, die Ondaatje zeichnet: "Das Muster des Abdrucks ihrer Zähne auf seiner Haut,/ das ein Mönch aus dem Gedächtnis zeichnet." Gleichzeitig bezieht er sich bewusst auf Traditionen indischer bzw. tamilischer Liebeslyrik, die er mit westlicher Gegenwartslyrik verküpft. "Klassische" Bilder von Frauen, die Lotos stechen in der Mitte des Flusses, sind ebenso vertreten wie "moderne" Verse: "Seitwärtsflirt/ in der Apotheke in Colombo// Begehren im Sonnenschein/ Aliganaya - 'die Umarmung während eines berauschten Spaziergangs' oder 'plötzliche Erregung beim überfahren von Tempolimit-Straßenschwellen.'"
Für den europäischen Leser klingt vieles fremd, fast exotisch und doch überraschend vertraut, etwa wenn es um Grunderfahrungen des Seins geht oder aber Ondaatje wunderbar lakonische Bilder gelingen, etwa jenes von dem "Mann, der an einem Wasserhahn am Straßenrand eine Trompete wäscht."

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Michael Ondaatje. Handschrift
Lyrik. Carl Hanser Verlag, München. 84 Seiten. 12.90 EUR
ISBN: 3-446-19992-6

© Matthias Kehle

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