Annette Nolte

Die Spinnerin

Die heroinabhängige Prostituierte Anne Selden bewegt sich immer rasanter auf den Abgrund zu. Als sie nach Hause kommt, steht die Wohnung unter Wasser. Gleichgültig versucht sie, die Schäden zu beseitigen. Ihr droht eine Kündigung wegen lärmender Besucher, einer "verurSachbuchte darüber hinaus die Verunreinigung des 3. Stockwerkes" durch eine "stark blutende Kopfwunde". Ein Gerichtsverfahren wegen Drogenmißbrauchs übersteht sie am Rande des körperlichen Zusammenbruchs. Das Gefängnis bleibt ihr nur deshalb erspart, weil sie sich um eine Therapie bemühen möchte, doch gleich darauf setzt sie sich den nächsten Schuß. Ihr strapazierter und ausgemergelter Körper entgeht kurze Zeit später auf der Intensivstation nur knapp dem Tod. Zwischen diesen Episoden nimmt sie apathisch am Leben im Kiez teil, beobachtet andere Nutten, Penner und Drogenabhängige, schafft an oder läßt sich an der Seite eines älteren Freiers durch die Stadt treiben.
Der Debutroman von Annette Nolte, Jahrgang 1965, erzählt lakonisch und präzise einige Tage aus dem Leben von Anne. Die 90 Episoden - die Autorin beginnt eigentümlicherweise mit der Nummer 69 - sind ineinanderverwobene Bruchstücke und Rückblenden aus einem Leben, das immer zerstückelter zu werden droht und in dem bewußte Augenblicke immer seltener werden. Der Roman ist somit folgerichtig konstruiert und erzählt. Den wenigen bewußten Momenten der Anne Selden verdankt der Roman seinen Titel: Immer wieder sitzt sie nämlich da und spinnt Fäden:

Sie spinnt einen Faden zwischen zwei niedrigeren Häusern, die den Hauptbahnhof links und rechts flankieren. In engem Abstand dahinter setzt sie weitere parallellaufende Fäden, bis das Dach des Bahnhofs durch die feine, aber strenge Liniensammlung fast verdeckt ist. Innerhalb weniger Minuten hat sie die geordnete Struktur durch willkürlich gezogene Fäden ergänzt. Das Gespinst ist dicht und undurchsichtig.

Zufällig und fast beiläufig lernt Anne den Schwarzen Anselm kennen, genauso beiläufig entwickelt sich zwischen ihnen eine Beziehung, die auch dann nicht zerbricht, als Anselm entdeckt, daß sie eine drogenabhängige Prostituierte ist. Die bewußten Momente mehren sich. Zuletzt sitzen die beiden auf Annes Balkon, sie spinnt wieder einen Faden, den Anselm zu Annes Erstaunen plötzlich entdeckt. Der einzige pathetische Moment des Romans wird durch den letzten Satz markiert: "Die Scheinwerfer gehen aus".

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Annette Nolte. Die Spinnerin
Roman. Rasch und Röhring, 160 Seiten.
ISBN: 3-89-136-5756

© Matthias Kehle

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