Charlotte Mutsaers

Kirschenblut

Es fasziniert bildende Künstler ebenso wie Schriftsteller: Das Verhältnis von Bild zu Wort und von Bezeichnendem zu Bezeichnetem. Von der niederländischen Autorin und Malerin Charlotte Mutsaers sind nun ausgewählte Essays erschienen, in denen es um dieses Verhältnis geht. Inspiriert von der postmodernen französischen Philosophie und einem Bild-Gedicht von Apollinaire wurde etwa der Aufsatz "Wenn das Wort Fleisch wird, wiehert das Pferd." Der seltsame Titel spricht Bände: Mutsaers Essays sind nämlich eigenwillige und unterhaltsame Abschweifungen, die überdies reich bebildert sind, wenn auch auf den Reproduktionen in schwarz-weiß und in Briefmarkengröße oft nicht viel zu erkennen ist. Weshalb werden so viele Menschen Künstler, obwohl sie kein Bild zum Weinen bringt? Wie kann es funktionieren, dass ausgerechnet Gedichte, von einem meisterlichen Cartoonisten illustriert, dadurch erst richtig lebendig werden? Das sind Fragen, die Charlotte Mutsaers Aufsätze auf heitere Weise beantworten. Die ohne Zweifel interessanteste Geschichte (wohl weil die Autorin eine Geschichte erzählt!) ist die von Vater und Sohn, beide virtuose Glasbläser, die im Laufe ihres Lebens für wissenschaftliche Zwecke tausende von filigranen Quallen aus Glas hergestellt haben - faszinierend wie diese weichen Geschöpfe als unbewegliche harte Glasgebilde existieren können.
Es ist die Spannung zwischen Objekt, Abbild und Wort, welches die Essays so reizvoll macht. Der Leser macht oft überraschende Entdeckungen, etwa wenn Mutsaers sich zu Munchs berühmten Bild "Der Schrei" fragt: "Wer hält sich denn die Ohren zu, wenn er selbst einen Schrei ausstößt, dann würde man doch eher den Mund halten?"

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Charlotte Mutsaers. Kirschenblut
Essay. Carl Hanser Verlag, München. 206 Seiten. 14.90 EUR . ISBN: 3-446-19993-4

© Matthias Kehle

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