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Elf Jahre lang war Inge Müller mit dem Dramatiker Heiner Müller verheiratet. Es waren
elf Jahre, die ihr Leben jedoch weniger geprägt haben, als die Erfahrungen ihrer Kindheit und
Jugend. Die 1925 geborene, spätere DDR-Autorin wurde nicht nur zur Wehrmacht einberufen,
versuchte nicht nur zu desertieren, sie musste vielmehr Bombenangriffe überstehen und als
Zwanzigjährige ihre Eltern tot aus den Ruinen ziehen. Zeit Lebens verfolgten sie die
Erfahrungen, besonders die des im Bunker Lebendig-begraben-Seins - bis sie 1966 Selbstmord
beging.
Vor allem als Lyrikerin wurde Inge Müller bekannt. In ihren ruhelosen Gedichten, die mal
sorgfältig gereimt, mal von jedem formalen Ballast befreit sind, versuchte sie, die Ereignisse
zu komprimieren: "Ich lernte Tote bergen/ Lernte, Ertrunkene tragen (schwere Last)."
Anders als andere Autoren ihrer Generation ist ihre Sprache lakonisch und unmittelbar.
In den gesammelten Texten, herausgegeben von der Literaturwissenschaftlerin Sonja Hilzinger, nehmen
Müllers Gedichte fast die Hälfte des Bandes ein. Hilzinger verweist im Nachwort auf ihre
Schwierigkeiten: Heiner und Inge Müller schrieben an ihren Texten gemeinsam, und oft ist
unklar, wer Urheber welcher Passage ist. Hilzingers Sammlung ist zwar verdienstvoll, aber erstens
nicht vollständig, und zweitens hätte sie manchen Text unveröffentlicht im Archiv
belassen können. Die zweite Hälfte des Bandes enthält Prosatexte, Müllers
erfolgreiches Hörspiel "Die Weiberbrigade", Skizzen, Entwürfe, Bruchstücke
sowie die Neufassung eines Stückes des russischen Autors Rosow. Das meiste, das Inge
Müller geschrieben hat, scheint unvollständig geblieben, viele der vollendeten Texte
haben nur noch literaturhistorischen Wert: Sie besingen die Emanzipation der Frau im Sozialismus
("Die Weiberbrigade") oder die Entwicklung eines jungen Beatnicks zu einem arbeitsamen
Mitglied eines Kombinats ("Unterwegs"). Beeindruckend hingegen das Prosa-Fragment
"Ich, Jona", das wiederum von den Erfahrungen im zweiten Weltkrieg erzählt, diesmal
aus Sicht eines Kindes. Auch wenn die erhaltenen Teile gerade dieser Erzählung womöglich
willkürlich angeordnet sind: Inge Müllers genuines Thema war das Grauen des Krieges. Die
spröde Eindringlichkeit der Lyrik und dieses Prosa-Fragments entschädigt für die
Hymnen auf den Sozialismus.
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Inge Müller. Dass ich nicht ersticke am Leisesein
Lyrik. Aufbau, Berlin. 660 Seiten. 29.90 EUR .
ISBN: 3-351-02937-3
© Matthias Kehle

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