Alberto Manguel |
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Eine Geschichte des Lesens |
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Es gibt wenige Sachbuchbücher, die ihr Thema absolut umfassend darstellen und gleichzeitig den Leser mehr fesseln als ein guter Krimi. Eine Geschichte des Lesens des polyglotten Bibliomanen Alberto Manguel (geboren 1948) ist eines dieser Ausnahmebücher aus der Rubrik "fröhliche Wissenschaft", denn es erzählt die Liebesgeschichte zwischen den Menschen und den Büchern. Die Geschichte des Lesens ist die gleichzeitig die der Menschheit; sie beginnt mit winzigen
Tontäfelchen und spiegelt alle Höhen und Tiefen des menschlichen Geistes wider. Die erste
Revolution fand womöglich im Kopf statt: Wer Zeichen lesen kann, nimmt anders wahr:
"Schriftlose Gesellschaften haben einen linearen Zeitbegriff, während in den
schriftkundigen der Zeitsinn ein kumulativer ist." Die Geschichte des Lesens besteht aus
unzähligen Geschichten aus allen Zeiten und Kulturen, wobei eine jede Kultur Hochachtung oder
Angst vor dem geschriebenen Wort hatte, sei es, daß Autoren und Bücher in die Nähe
von Gottheiten gerückt wurden, oder daß Bücher auf dem Scheiterhaufen landeten.
Manguel berichtet von zwei Talmud-Gelehrten, die ein dreijähriges Kalb erschufen, wenn sie
Buchstaben richtig kombinierten oder vom prominentesten Bücherdieb der Geschichte, vom Grafen
Libri, der aufgrund seiner Bessesenheit alle ämter verlor und verarmt starb. Leser haben die
Welt verändert, und deshalb durften Sklaven überhaupt nicht lesen und japanische Frauen
um das Jahr 1000 nur bestimmte Literatur - worauf prompt der erste Roman entstand, natürlich
von einer Frau geschrieben. Dieses eine Buch, das ich in der Hand halte ... und nur dieses, ist für mich Das Buch. Randbemerkungen, Flecken, Lesezeichen der einen oder anderen Art, ein bestimmter Moment und Ort - all das kennzeichnet mein Buch genauso unverwechselbar, als wäre es ein einzigartiges Manuskript.
© Matthias Kehle
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