Otto Jaegersberg |
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Söffchen oder Nette Leute |
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"Nette Leute" ist der zweite Roman des damals 25-jährigen Otto Jägersberg und erschien zum ersten Mal 1967. Der Vertreter der Firma Heimbuch Hugo Rattalt reist aufs Land, um der Familie Dietrich ein sechsbändiges Lexikon zu verkaufen. Der Vater ist jedoch bei der Arbeit, will aber zum Mittagessen heimkommen. Als dies nicht geschieht, wird Rattalt von der Familie kurzerhand zum Essen eingeladen. Der Vater erscheint auch später nicht, deshalb wird Hugo, nach einem kurzen Abstecher in die Dorfkneipe, wo er mit der Bedienung flirtet, mit der 17-jährigen Tochter Anne-Sophie, die von ihrer Familie Söffchen genannt wird, zur Baustelle geschickt, um den Vater zu holen. Nach einem abschließenden Abendessen und einigen Bier unterschreibt der Vater schließlich den Kaufvertrag. Was Jägersberg kunstvoll, ironisch und linear erzählt, entpuppt sich nach wenigen
verwirrenden Seiten als eine genaue Studie der Sechziger Jahre. In einem Gespräch mit dem
stets trinkenden Arbeiter Sönderkamp offenbart sich anscheinend die ganze Haltung und
Mentalität der damaligen Landbevölkerung. Daß Jägersberg durchaus mit dieser bürgerlichen Idylle sympathisiert, zeigt sich in dem Spaziergang mit der durchtriebenen Göre Söffchen, die Hugo neckt, ihm erzählt und in die Hugo sich ein klein wenig verliebt (und umgekehrt), so daß er beim Abendessen bei Dietrichs immer an sie denken muß. Dieser Spaziergang ist die romantischste Passage des ganzen Romans und manchmal vergisst Jägersberg sogar seine trockene Erzählhaltung. Selten schiebt Jägersberg Rückblicke ein, der Handlungsfaden läuft geradlinig zu Ende. Mit "Nette Leute" ist ihm ein zeithistorisches Dokument gelungen und gleichzeitig ein kunstvoller Trivialroman, den man verschlingt, getreu jenem dem Roman vorangestellten Kant-Zitat als Motto: ...denn je größer die Simplicität des Lebens ist, desto stärker ist der Affect des Gemüthes und der Begierden.
© Matthias Kehle
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