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Gedichte zu beurteilen, die aus einer fremden Kultur übersetzt bzw. übertragen sind,
ist schwierig. Die Literaturgeschichte ist eine fremde, die Gesetze der Poetik und die der
Zerstörung der Poetik sind wenig bekannt, sprich: der Weg den die fremde Lyrik in der Moderne
gegangen ist, ist dem Rezensenten nicht vertraut. Manches moderne Gedicht einer
außereuropäischen Kultur wirkt ins Deutsche übersetzt antiquiert, während es
in der Originalsprache unerhörte Neuigkeiten birgt.
Der Pendragon-Verlag in Bielefeld publiziert eine kleine, aber feine Reihe "Edition
moderne koreanische Autoren". In dieser Reihe hat der Verlag auch eine Auswahl Gedichte
von KIM Hyesoon samt einem aufschlussreichen Nachwort veröffentlicht. Geboren ist die
Lyrikerin 1955, womit sie zu den jüngeren Repräsentanten der koreanischen Literatur
gehört. Das Nachwort macht den Leser mit einigen Eckdaten bekannt, ohne die die Gedichte ein
merkwürdiges Sammelsurium expressionstisch anmutender Texte bliebe. KIM Hyesoon sei eine
"moderne feministische Autorin", die sich mit der gesellschaftlich-kulturellen
Problemsituation in Korea auseinandersetzt. öffentliche versus private Wahrnehmung, bewusste
Hermetisierung der Gedichte, existentielle Leiderfahrung und eine "Neukonstruktion des
Seins mit Hilfe der Poesie" führen zu einem poetologischen Programm, einer
"ästhetik weiblicher Ontologie". Die Lyrikerin wende "sich immer
stärker der metonymischen Bilderwelt einer fraktalen Sichtweise zu, was dazu führt, dass
in ihren Gedichten verschiedenartige Formen von Raum und Zeit geschaffen werden." Die
"fraktale Sichtweise" dieser koreanischen Dichterin läßt keine klar
umrissenen Themenfelder erkennen, allenfalls wiederkehrende Motive, wie der Mond ("Wie am
Meer der Mond aufgeht und versinkt/ so leben unter zwei Hügeln die Toten") oder aber
der weibliche Körper ("Leblos der Körper/ Vergessen in einer Einzelzelle/
verfaule ich").
Disparates wird also in dem Gedichtband "Die Frau im Wolkenschloss" versammelt.
"Der Konservatismus der Seouler Ratten"" steht neben "... Tapeten
mit Blumenmuster..." und einer Leiche, die raucht. Reine Körpererfahrung findet sich
in dem Text "Hitzschlag" ("...sengende Hitze/ klopft an meine Ohren/ gerade so,
dass das fast zerplatzende Trommelfell nicht reißt..."). Die Erfahrungen im
modernen Korea spiegeln sich in Texten wie "Armselige Liebesmaschinen" oder
"Schweiß" ("Der Popsänger singt/ mit einer Gitarre im Arm").
Der deutsche Leser macht ohne Zweifel Entdeckungen, findet ganz neue Bilder und Chiffren:
"In meiner Brust tickt eine Uhr/ sie hat sich ihr ganzes Leben lang noch nie ausgeruht/
Eine Uhr, die Blut isst und Blut ausscheidet..." KIM Hyesoon experimentiert gerne - mal
erscheinen die Gedichte in Prosaform, mal sind es kurze Dialoge. Vermutlich ist aber vieles, was
den formalen und klanglichen Reiz der Texte im Koreanischen ausmacht, beim übersetzen verloren
gegangen. Besonders reizvoll ist das Gedicht "(Regen)", an dessen Zeilenenden es
buchstäblich regnet: "Vom Himmel fallen transparente Ameisen (Regen)/ Krallen sich am
Kopf fest (Regen)/ Mit ihren transparenten Beinen bohren transparente Ameisen mir Löcher in
den Körper (Regen)/ Heftig (Regen) usw.
Der Blick über den Tellerrand der zeitgenössischen deutschen bzw. europäischen Lyrik
lohnt also, auch wenn man oder gerade weil einem manches Gedicht ratlos zurück
läßt.
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KIM Hyesoon. Die Frau im Wolkenschloss
Lyrik. Pendragon,
ISBN: 3-934-87204-2
© Matthias Kehle

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