|
| |
Harald Hurst ist mit seinen Mundartgedichten regional bekannt geworden; mit seinem Band
"Das Zwiebelherz. Liebesgeschichten" dringt er über die Grenzen des
badischen Sprachraums hinaus, denn seine Geschichten könnten überall dort geschehen sein,
wo es Kleinstädte, Bürgerlichkeit, frustrierte Männer und alternde Beziehungen gibt.
Hurst parodiert die gutbürgerliche Liebe in ihrer ganzen Variationsbreite, etwa die Erektion
eines biederen Familienvaters beim Kräuterschneiden ausgelöst durch Gedanken an Pornos,
an Sex auf dem Küchentisch und seine Frau Rosi, "ein mütterliches Warmblut und
gelegentlich auch noch Geliebte."
Auf mitunter urkomische Weise entlarvt Hurst die kleinen Boshaftigkeiten und ärgernisse des
Alltags. Die Komik der Geschichten gründet sich jedoch nicht auf billigen Slapstick, sondern
auf die unbedingte Abbildung der Realität: Wer hat nicht schon seine Schlaflosigkeit durch
besonders raffinierte Methoden zu bekämpfen versucht, zum Beispiel durch die intensive
Vorstellung, im Sarg zu liegen und zum eigenen Begräbnis getragen zu werden?
Reizvoll sind die sprachlichen Wechselbäder zwischen Derbheit und intellektuellem Witz,
zwischen schnoddrigem Kneipenjargon und scharfsinnigen Reflexionen, wobei Hurst die Grenze zum
Vulgären genau kennt. Er gleitet auch nicht, wie vielleicht andere Autoren von
Liebesgeschichten, in Banalitäten und Flachheiten ab, obwohl er mit besonderer Vorliebe von
typischen Klischees erzählt, von endlosen Ausgehvorbereitungen, oder von den Schwierigkeiten
mit dem unleserlichen Einkaufszettel. Selbst sentimentale Situationen werden mit viel Ironie
gerettet. Ironisch gemeint ist wohl auch der Untertitel "Liebesgeschichten",
denn Hursts Geschichten passen gar nicht in die landläufige Vorstellung davon. Solche
Liebesgeschichten herkömmlicher Art gibt es auch schon genug, von dieser Sorte aber kann man
nicht genug bekommen.
![[Neues Fenster] Link zu Amazon Link zu Amazon](http://images-eu.amazon.com/images/P/3765080527.03.MZZZZZZZ.gif)
Harald Hurst. Das Zwiebelherz
Kurzprosa. G. Braun, 123 Seiten.
ISBN: 3-765-08052-7
© Matthias Kehle
>
|
|
|