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Sechs bis acht Gedichte von Bedeutung schreibt, Gottfried Benn zufolge, ein Lyriker während
seines Lebens. Im zweiten Gedichtband In den Engen der Straßen von Michael Hillen finden sich
drei oder vier gelungene Gedichte, eine Vielzahl verblüffender Bilder und ansatzweise gute
Einfälle, die aber ständig dadurch verunglücken, daß der Autor sie mit
moralinsauren Einschüben oder ein paar Worten zuviel wieder zerstört. Hillen gehört
zu den wenigen deutschen Lyrikern mit einer knappen, lakonisch-präzisen Sprechweise, meist der
Prosa nahe. So berichtet er von einer Postkarte,
die nach zwei jahrzehnten/
des umherirrens/
nun angekommen ist/
in der Vergangenheit"
oder von einem Fischer, und gerade hier gelingt Hillen ein Text von schlichter Schönheit:
fischer aus ayia napa
steuert sobald es dunkelt
sein boot auf die
mitte des meeres.
in seinen händen
hat sich der nachtwind eingegraben
und das licht des mondes,
unter ihrer haut
nistet gewitterregen und
der laich von fischen,
kein fett könnte sie noch
glätten.
das kleine netz
ist gesättigt erst
wenn es tagt.
er holt es ein und
fährt zurück in den hafen
von dem nicht weit entfernt
jetzt fische gezüchtet werden,
ein fisch wie der andere.
In vielen Texten klagt Hillen an, berichtet von einer "Illegalen", einer
Drogenabhängigen ("wenn sie schläft") oder moralisiert über
Genmanipulationen ("verschieden lang"). Er philosophiert über "das
Leben" oder erzählt von einem Schafhirten mit einem Kofferradio, aus dem
Flötenmelodien klingen - einfallslose Versuche, die an der Oberfläche bleiben. Besonders
krass an den Haaren des Wortspiels herbeigezogen ist der Text
hoffnungslos//
wir blickten/
dem rat genüge zu tun/
hinter die fassade//
und sahen fassade.
In den Engen der Straßen ist ein ambivalentes Buch. Einige der Gedichte können
offenkundig nur verrissen werden, andere könnten - vielleicht? - die Literaturgeschichte
überdauern. Womöglich gehört hierzu auch das wiederum äußert dichte,
äußerst präzise Gedicht "gewohnheiten":
die bilder/
gehen/
um die/
welt.//
die verzweiflung/
bleibt/
am ort.
Bleibt die Frage, ob der Band lesenswert ist. Wenn man bedenkt, mit wievielen "schwachen"
Texten prominente Kollegen ihre Gedichtbände auffüllen, kann man diese Frage nur mit
"ja" beantworten.
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Michael Hillen. In den Engen der Straßen
Lyrik. protext,
ISBN: 3-929-118-041
© Matthias Kehle
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