Wilhelm Genazino

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Das Sehen ist eine wunderbare Tätigkeit, sagte Wilhelm Genazino einmal, und auch sein neuer Roman ist voller liebevoll beobachteter Details. Zuvorderst erzählt er aber die Geschichte eines jungen Mannes in den 60er-Jahren, der sich nicht so recht in eine einzige Biografie einfinden will. Einerseits verdingt er sich als Vorarbeiter, andererseits schreibt er für's Lokalblatt. Der junge Mann landet auf einer Art Party, bei der einige Intellektuelle reichlich Alkohol und vor allem Cannabis zu sich nehmen. Letzteres entfaltet eine überraschende Wirkung bei allen, nur nicht beim Protagonisten. Dieser wird jedoch zum Star des Abends, indem er detailreich schildert, wie eine Straßenbahn durch eine andere fährt, und zwar in allen Farben, womit er anscheinend den Beweis für die bewusstseinserweiternde Wirkung der Droge liefert.
Die Welt in Genazinos Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" ist die der Adenauer-Zeit. Morgens werden Tagelöhner angeheuert, bei Betriebsfesten sitzen Arbeiter und Angestellte getrennt, die Arbeiter trinken ihr Bier aus Flaschen, weil sie die "Labyrinthe der Verfeinerung" fürchten, mit seinem "Brathähnchengesicht" ist Rex Gildo der Star der Zeit.
"Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" erzählt von einem der auszog, das Bleiben zu lernen, denn am Ende fügt sich der 18-jährige Erzähler wie selbstverständlich in sein Leben ein.

Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman. Roman, Hanser-Verlag München, 160 Seiten, 15,90 Euro, ISBN 3-446-20269-2

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© Matthias Kehle

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