Julia Franck

Der neue Koch

Da taucht eine junge Schriftstellerin auf, Ende zwanzig, die einen wunderbaren kleinen und unauffälligen Roman schreibt und anscheinend ganz ohne Aufwand eine merkwürdige Geschichte erzählt. Was wie der Wunschtraum eines Rezensenten klingt, ist Julia Franck gelungen, geboren 1970 in Ost-Berlin. In sechs Kapiteln, die ebensoviele Tage widerspiegeln, erzählt sie, wie ein junger Koch in einem Hotel eine neue Stelle antritt. Dieses Hotel, eher eine heruntergekommene Spelunke, gehört einer jungen Frau, die es von ihrer Mutter geerbt hat. Der Koch, ein Charmeur und Hochstapler, der sein Handwerk allerdings meisterhaft beherrscht, übernimmt binnen kurzer Zeit die Herrschaft über das Hotel. Nicht nur das, die skurrilen Dauergäste sind von ihm hingerissen, ebenso die junge Besitzerin und Ich-Erzählerin, die einsam in ihrem Zimmer verwahrlost und im Hotel nur das Nötigste erledigt. Und schließlich ist da noch ein Toter, der in einem der Zimmer liegt, und fast vergessen wird.

"Der neue Koch" ist die Geschichte einer Gefangenschaft im eigenen Leben, die Geschichte einer gescheiterten, halbherzigen Flucht aus dem Hotel-Gefängnis, die Geschichte vom Beharren auf keiner Veränderung. Die Autorin schildert dies an wenigen Details. Mehrfach versucht die Hotelbesitzerin ihr eigenes Zimmer in Ordnung zu bringen, beispielsweise eine Suppenschüssel, die vor sich hinschimmelt, endlich in die Küche und die Spülmaschine zu räumen, doch will ihr das nie gelingen.

Julia Franck erzählt ihren ersten Roman lakonisch und knapp, fast naiv, so als schriebe ein junges Mädchen Tagebuch. Für ihre Geschichte braucht sie nur wenige Zutaten, und trotzdem (oder gerade deswegen) scheint sie sich fast von alleine zu erzählen. So ist es auch nur plausibel, daß der Tote fast vergessen wird, denn Tote spielen in Geschichten normalerweise eine gewichtige und keine beiläufige Rolle.

Während manche immer noch auf den einen großen deutschen Nachkriegsroman von einem begnadeten Nachwuchsautor warten, schreiben andere wundervolle kleine Geschichten. Sie beweisen damit immer wieder, daß es um die zeitgenössische deutsche Literatur gar nicht so schlecht bestellt ist, wie stets behauptet. Im Gegenteil. Und schließlich: Je unauffälliger Literatur ist, desto besser ist sie im allgemeinen auch.

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Julia Franck. Der neue Koch
Roman. Ammann Verlag,
ISBN: 3-250-60010-5

© Matthias Kehle

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