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Da liegt sie nun vor uns als ein "abgeschlossenes Sammelgebiet": die
DDR-Literatur. Oder doch nicht? Die erweiterte "Kleine Literaturgeschichte der
DDR" von Wolfgang Emmerlich verlängert die Wendezeit bis ins Jahr 1995, und das hat
seine Gründe.
Die Geschichte der Beurteilung der DDR-Literatur ist so interessant wie die Literaturgeschichte
selbst. Emmerlich schreibt im Vorwort: "Korrekturen aus meiner 'heutigen' Sicht
sind unumgänglich"; er bemerkt aber, daß das viel weniger die
ästhetischen als die politischen Urteile betrifft. Damit ist der entscheidende Punkt
angesprochen: DDR-Literatur wurde fast nie mit literarischen Maßstäben bewertet, sondern
mit politischen. Die SED hatte der Literatur zentrale pädagogische Aufgaben übertragen,
die Westkritiker suchten in der Dissidentenliteratur den "moralischen Nimbus"
und die Zivilisationskritik, vor allem in den späten 70er Jahren nach der Ausbürgerung
Biermanns, aber auch in der vermeintlich radikalen politischen Verweigerung der Dichter vom
Prenzlauer Berg in den 80er Jahren. Die DDR war ein Leseland, das ist ein Gemeinplatz (95% der
Haushalte im Arbeiter- und Bauernstaat besaßen Bücher). Doch nach der Wende hat die
Literatur dieses verschwundenen Landes ihren hohen Stellenwert verloren. Das hat seine Gründe
nicht nur darin, daß die Autoren als "Erfüllungsgehilfen einer
häßlichen Diktatur" gesehen werden und einige gar als Stasi-Gehilfen enttarnt
wurden, sondern vielmehr darin, daß die Literatur plötzlich mit literarischen Kriterien
beurteilt wird. Diesen deutschen Literaturstreit im Hinterkopf hat Emmerlich seine
Literaturgeschichte umgedeutet. Immer behält er aber die gesellschaftlich-politische Dimension
im Auge: "Man muß die Geschichte und Gesellschaftsstruktur der DDR
kennen", womit Emmerlich freilich in einem Dilemma steckt. Von der Gründung bis hin
zur Wende zeichnet er die Geschichte der DDR nach, um daran die Literatur zu spiegeln. Er
fördert dabei zahllose Details zutage, beispielsweise genaue Zahlen der enormen Buchproduktion
des Landes oder die hanebüchenen Methoden von Zensur und Selbstzensur mit ihren verschiedenen
Kontrollmechanismen. Daß dabei erst nach Bekanntwerden der Stasi-Akten relevante Fakten
zutage traten, welche die Geschichte nachträglich veränderten, ist bekannt. Wir wissen
jetzt aber auch, daß die Stasi sich mit Fragen beschäftigte, wie: "Ißt
Lutz Rathenow seine Würstchen mit oder ohne Senf?" Auch das (historisch) letzte
Kapitel bleibt zunächst bei der Politik und den bejubelten historischen Vorgängen der
Wende, erinnert aber alsbald an schmerzliche Ereignisse, wie die riesigen
"Müllberge" bestehend aus 250.000 Tonnen DDR-Büchern, die
schließlich von einem niedersächsischen Pfarrer gerettet wurden, was letztlich nur ein
Symbol für den Untergang der DDR-Literatur und -Kultur ist.
Auch heute noch wird DDR-Literatur geschrieben. So erscheinen nach wie vor viele autobiographische
und dokumentarische Werke, z.B. Thomas Brussigs fulminanter Schelmenroman "Helden wie
wir". Emmerlich sieht die Chance und die Notwendigkeit, "einen überhang an
Alt-Erfahrungen abzuarbeiten und sich gleichzeitig ohne Ruhepause unter einem unabweisbaren Durck
aktueller Erfahrungen neu (zu) orientieren". Das umfangreiche Kompendium wird
ergänzt durch Zeittafeln und ein Literaturverzeichnis. Es ist ein kompaktes Handbuch zur
Literatur und Geschichte der DDR, das jedoch unüberlesbar vom sogenannten "deutschen
Literaturstreit" geprägt ist. Vielleicht urteilt Emmerlich in einer späteren
Überarbeitung milder.
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Wolfgang Emmerlich. Kleine Literaturgeschichte der DDR
Sachbuch. Kiepenheuer und Witsch Verlag, 640 Seiten.
ISBN: 3-378-01000-2
© Matthias Kehle
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