George Ellenbogen

Winterfischer

Mit vier Gedichtbänden ist das Werk des kanadischen Dichters George Ellenbogen nicht eben umfangreich. Der Sohn jüdischer Einwanderer, zuletzt Professor für Englisch an der Universität Boston, hat ganz und gar unakademische Gedichte geschrieben. Eine Auswahl davon hat die Edition KAPPA nun unter dem Titel "Winterfischer" vorgelegt.
In fünf Zyklen reist der inzwischen siebzigjährige Autor lyrisch durch die Welt - er sei der "Reisende" unter den Dichtern heißt es denn auch im Nachwort. Afrika muss es Ellenbogen ganz besonders angetan haben, denn der erste Zyklus "Das Rhinozerostor" reflektiert die Natur und das Leben auf diesem Kontinent. Während eine alte Frau (das lyrische Ich) über den merkwürdigen Begriff "Rhinozerostor" sinniert, erinnert sie sich an Vergangenes, Verschüttetes, wo Gerüche/ verhaltenes Teegeplausch würzen, /Laute sichtbar sind wie Rauch..." Es ist eine Savannenlandschaft, in die sich "ein Duft gebrühten Kaffees" mischt, voller fremdartiger Pflanzen und Tiere wie beispielsweise der Madenhacker.
Auch in den anderen Zyklen wird das Reisen thematisiert. "Die Nachricht von Gorbatschows Sturz in der Serengeti" heißt ein Text, ein anderes Gedicht besingt eine "New Yorker Lehrerin am Mount McKinley".
Vergangenes, Verschüttetes wird in Ellenbogens Gedichten offenbar: "Ist es fünfzehn oder zwanzig,/ Gott so viele, Jahre her, seit Elise Orange/ ihre Feder auf Wellen des Gelächters/ zum Schreiben ausschickte?"
George Ellenbogens Verse sind mal elegant, mal klobig, seine Bilder mal filigran, mal sperrig. Da wird einerseits ein Blauhai eingebracht, "seine Geschichte ins Wasser/ gekerbt, das sich hinter ihm schloß", andererseits wehren sich Pflanzen gegen den kanadischen Winter: "Rhododendronblätter strafften sich zu Kapuzen,/ strafften ihre Adern" oder aber Ellenbogen zeichnet "Wildblumen", "... ausgeschnitten aus dem Dunkel, als halte die Sonne/ das Glas umfangen und hinterlasse/ ihm Blüten, leicht/ wie Schmetterlingsflügel."
Es ist der Widerspruch einer filigranen Derbheit, welches die mitunter eigenwillige Poesie George Ellenbogens ausmacht.

George Ellenbogen: Winterfischer, Gedichte.
Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hans-Christian Oeser. Edition Kappa, München, 118 Seiten, 16,50 Euro. ISBN 3-932000-69-2

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© Matthias Kehle

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