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"Eine herausragende künstlerische Tat" zitiert der Klappentext "The
Times", "die literarische Sensation des Jahres" schrieb "The Independent, doch
"Dr. Sad" des 35-jährigen Lehrers Toni Davidson ist ein konventioneller Roman voller
Klischees, der auch noch versucht zu schockieren. Die Zutaten sind ärgerlich: Zwei Jungen, die
von ihren Eltern missbraucht werden, ein Psychiater, der sexuell von seiner jüngeren Schwester
besessen ist, ein angeblich neuer therapeutischer Ansatz sowie Drogenexperimente.
Click, einer der beiden Jungen, haust mit seinen Eltern in einem Wohnwagen und fotografiert die
beiden Landstreicher bei jeder Gelegenheit. Worin der Missbrauch besteht, wird nicht so recht klar.
Der gestörte Vater mit Riesengeschwulst am Kopf, fasst Click wohl gelegentlich an und ist ein
wenig gewaltätig, wenn er einen seiner (Tanz-)Anfälle hat, die Mutter ist dafür umso
gröber und unsensibler. Frights Vater ist offenkundig gewalttätig. Nicht nur, dass er und
einer seiner Bekannten Fright und dessen Bruder regelmäßig sexuell missbraucht, er
tötet auch die Mutter und verschwindet. Davidson erzählt aus der Sicht der
verängstigten, gejagten Kinder, das heißt, er versucht es. Die Leiden der Kinder
erscheinen oberflächlich, obwohl Davidson ständig an der Ekelgrenze operiert. Mit seinen
Kunstgriffen scheitert er: Im Falle von Click beschreibt er die Fotos, die gefunden wurden, als der
Junge befreit wurde, im Falle von Fright zitiert er dessen Tonbandaufzeichnungen.
Dr. Curtis Sad ist Spezialist im Gebiet der Psychologie von intrafamiliärer Sexualität
und bedient sich stets eines schnoddrigen, abfälligen Tonfalls, wenn es um die Arbeit von
Kollegen geht. Es ist nicht so ganz klar, ob Sad tatsächlich ein Verhältnis mit seiner
Schwester hat oder sich das Ganze nur einbildet; sie ist jedenfalls allgegenwärtig, mal als
Kind, mal als erwachsene Frau - die Regressionen des Dr. Sad sind Relikte aus einem Proseminar
für Psychologie: "Als ich sie aus dem Büro herausließ, lief sie mir durch den
Gang hinterher. Sie war auf einmal so jung. Während meine Badezimmererinnerung verblasste und
meine Abteilungsrealität wieder Gestalt annahm, verlor sie mit jedem Schritt ein Jahr, bis sie
mir kaum noch zur Brust reichte."
Die Milieutherapie, mit denen er die beiden in tiefes Schweigen gehüllten jungen Männer
wieder zum Sprechen bringen will, sieht so aus: Eine Raum, ähnlich einer Turnhalle, teilt er
in zwei Hälften und läßt die Lebenssituation der beiden mit Drahtgestellen
nachbauen, um die traumatische Situation wieder hervorzurufen. Während des Experiments
erhält er außerdem ständig Faxe von einem erfolgreichen Kollegen, der in den Bergen
an einem ähnlichen Experiment arbeitet, allerdings seinen Schützling und sich selbst mit
LSD vollpumpt.
Alle Klischees über experimentelle Psychotherapie sind also versammelt und mit Schockeffekten
garniert. Bedauerlich ist nur, dass Schockeffekte der erwähnten Art ihre eigene Psychologie
haben. Je geballter man sie nämlich vorgesetzt bekommt, desto schneller nutzten sie sich ab,
desto lächerlicher wirken sie gar.

Toni Davidson. Dr. Sad
Roman. Rowohlt, 332 Seiten.
ISBN: 3-498-01316-5
© Matthias Kehle
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