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Da bekommt man ein schönes Buch auf den Tisch und freut sich auf die Lektüre. Ein
schöner Schutzumschlag, warme Töne überwiegen, ein Lesebändchen, angenehmes
Papier und ein appetitanregender Klappentext:
In der Vielfalt der Formen, die Eva Corino beherrscht, gibt es immer eine große
Ausgewogenheit zwischen Gefühl und Verstand.
Die "Lebensphasen, die der Mensch durchläuft" seien Thema der zwölf
Zyklen.
Doch eine "Vielfalt der Formen" kann auch etwas anderes bedeuten: Da hat jemand
seinen Ton noch nicht gefunden, und das ist bei der 1972 geborenen Eva Corino der Fall. Mal
schreibt sie knappe, lakonische Gedichte über die kindliche Wahrnehmung
("Mauersegler"), mal bekommt die Autorin romantische Anwandlungen und verfällt in
ein Parlando ("...Wenn du dann alt/ bist und erkaltet dann geh zum andern/ Fenster und
such den Mond..."). Der starke Mann wird ebenso besungen wie der Besuch im Planetarium im
Angesicht der Unendlichkeit des Universums - da kommt Pathos auf! Das lyrische Ich erinnert sich an
eine Party, bei der der Wodka in Strömen floss oder besingt Berlin als Baustelle am Ende des
Jahrtausends.
Für alles und nichts sieht sich die Lyrikerin und Theaterkritikerin Eva Corino also
zuständig, und dabei begeht sie immer wieder zwei für Gedichte tödliche Fehler: Sie
wird geschwätzig und will auch noch Botschaften transportieren. Das Gedicht
"Info-Box", in dem sie zunächst knappe Baustellen-Bilder aufgreift
("Schaufelbagger Förderbänder/ das hochgepumpte Grundwasser..."),
verliert sich in überflüssigen Plattheiten, mehr noch, auch Eva Corino vergreift sich an
der Antike:
wir fliegen über die Fassaden/
der Zukunft ein schwarzer/
Priapos liegt in meiner Hand.
Wobei Priapos einerseits ein griechisch-römischer Fruchtbarkeitsgott ist, andererseits auch
einen erigierten Penis meint. Auch "priapeische Gedichte" zeitigte die
Literaturgeschichte. Wieder etwas gelernt, aber der Zusammenhang mit der "Baustelle
Berlin" ist doch etwas weit hergeholt.
Die leidigen Botschaften, die Eva Corino dem Leser mitteilt, sind grauenvoll. Eines der Gedichte
ist mit "James Bond" betitelt. Die dritte Strophe lautet:
Abspann:/
warum die Massen nicht umschalten?/
fragt eine Stimme schon jenseits -/
na weil sie sich gut unterhalten.
Kein weiterer Kommentar auch zur Medienschelte in der "Agenda eines gefragten
Journalisten", wo Zeilen zu lesen sind wie:
zappelnd zwischen Zeitdruck und/
Genußsucht in der neuen Gastronomie/
das Gehirn ist ein Durchlauferhitzer für/
zwölf Themen pro Tag ein intellektueller/ Bulimiker...
Wobei es in "Keine Zeit für Tragödien" noch schlimmere Texte gibt,
beispielsweise über den Hinrichtungsapparat in den USA. Der Lektor des Berlin-Verlags scheint
bei Eva Corino etwas verschlafen gewesen zu sein, ließ er doch neben recht willkürlichen
Zeilensprüngen viel zu viele Adjektive( u.a. "das meerische Licht")
durchgehen oder unmögliche Steigerungsformen wie "das
Authentischste".
Die Erfahrungen des Kleinkindes, das einen Mauersegler sieht, Pubertätserinnerungen und
Liebesgedichte - bisweilen im Stile von Christiane Allert-W. ("Lotterie") - , das
Berufsleben, das Dasein in der Großstadt: Alles zusammen ergibt einen inhaltlichen und
formalen Eintopf, der nicht genießbar ist. Und wo bleibt das Positive? mag man sich nun
fragen. Die junge Autorin hat womöglich Talent, denn es finden sich ein paar hübsche
Schnipsel in den Texten ("... den Mund/ mit dem Daumen versiegelt.").
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Eva Corino. Keine Zeit für Tragödien
Roman. Berlin Verlag, Berlin. 19.80 DM .
ISBN: 3-8270-0389-X
© Matthias Kehle
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