Raymond Carver

Kathedrale

Den Begriff der "Short Story" prägte Raymond Carver in seinem kurzen Leben und seinen wenigen Erzählbänden wie kaum ein anderer amerikanischer Autor. Der Berlin-Verlag publizierte nun als dritten Band einer geplanten Carver-Gesamtausgabe die Sammlung "Kathedrale". Nicht von der Kehrseite des amerikanischen Traums erzählt Carver, vielmehr sind es die Jedermänner und Jederfrauen der westlichen Zivilisation, die seine Stories bevölkern. Er berichtet in äußerst knapper, lakonischer Weise von schleichenden Untergängen, die - wie die Erzählungen selbst - keinen Anfang und kein Ende haben, erst recht kein "Happy End".
"Von wo ich anrufe" etwa ist die Geschichte von Alkoholikern auf Entzug; die zitternden Trinker erzählen sich ihre Lebensgeschichten, voller Hoffnung, die Kurve zu kriegen. Es ist eine eindringliche, ganz beiläufig erzählte Geschichte: "J.P. und ich sitzen auf der Veranda von Frank Martin's Entziehungsheim", beginnt Carver, "'Hallo, Süße' werd ich sagen, wenn sie sich meldet. 'Ich bin's'", endet er. Dazwischen liegen alle gescheiterten und noch zu scheiternden Hoffnungen. So banal die Stories wirken, so sehr sie aus dem Strom des Daseins heraus gegriffen wirken, Carver erzählt ebenso spannend wie bewegend. Das Entsetzen packt die Protagonisten und den Leser ganz allmählich in der Erzählung "Eine kleine, gute Sachbuche": Eine junge Mutter bestellt bei einem Bäcker eine Geburtstagstorte für ihren Sohn. Der Junge wird jedoch von einem Auto angefahren und liegt lange im Koma, bevor er stirbt. Der Bäcker, der von dem Unglück nichts weiß, tyrannisiert die Eltern per Telefon. Raymond Carver ist ein Meister der Auslassung. In dem, was er verschweigt, wenn er von den Eltern und deren Besuchen im Krankenhaus vor und nach dem Tod des Jungen erzählt, liegt das eigentliche Grauen.
Raymond Carvers Erzählungen sind gleich nach Erscheinen Klassiker geworden. Sie beeinflussten auch viele junge deutsche Autoren, etwa Ingo Schulze und Judith Herrmann, die übrigens ein geschwätziges und überflüssiges Vorwort zu dem Band geschrieben hat.

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Raymond Carver. Kathedrale
Roman. Berlin Verlag, 39.80 DM .
ISBN: 3-827-00330-X

© Matthias Kehle

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