|
| |
Trotz oder gerade wegen ihres fragmentarischen Charakters sind Elias Canettis
"Aufzeichnungen" von großer Faszination. Vielleicht liegt das an Canettis
"Drang zur Universalität", die er schon 1936 forderte; und auch in seinen
letzten "Aufzeichnungen 1992 - 1993" erweist sich Canetti als nahezu
enzyklopädisch gebildet und ebenso klug, um das verdächtige Attribut "weise" zu
vermeiden. Der greise Autor ist ein wacher Zeitgenosse, der über den Balkankrieg ebenso
reflektiert wie über Computer ("Nur zögerndes Wissen zählt. Das ist es, was
Computern am meisten abgeht: Zögern").
Die Aufzeichnungen entstammen dem privaten Notizbuch, sie sind ein Sammelsurium im positiven Sinne,
in dem sich scharfzüngige Aphorismen, Zitate oder Anekdoten finden, beispielsweise über
Albert Schweitzers Papagei Schaggo, der "Französisch und Baseldeutsch, zudem mehrere
afrikanische Sprachen und Dialekte" sprach. Neben Reflexionen über das eigene Leben
und Schreiben stehen Portraitskizzen, wobei die Erinnerungen an Franz Steiner ein eigenes Kapitel
über sechs Seiten umfassen. Die wenigen, scheinbar unfertigen Notate, fordern in ihrer
Kürze um so mehr das Nachdenken heraus ("Träge Gleichnisse.").
Offenkundig von Karl Kraus geprägt sind die doppelbödigen Aphorismen; Elias Canetti, der
bei ihm vor Jahrzehnten Vorlesungen gehört hatte, war sich dessen bewußt: "Noch
jetzt, noch immer empfindet er Karl Kraus als seinen Privatmachthaber".
Eines der großen Themen, die Canetti während seines Lebens und insbesondere an dessen
Ende aufgreift, ist der Tod, den er als Skandal ansieht; es komme darauf an, daß man ihn
"selbst in Schmerzen moralisch verabscheut". Illusionslos blickt Canetti,
"ein Monstrum, das sagen kann: >vor fünfzig Jahren<</em>", auf sein
Leben zurück: "Ich habe wenig gesehen, ich war an wenig Orten, ich bin den Wenigsten
von denen begegnet, die meine Lebenszeit ausgemacht haben (...) Ich habe die Illusion meines
Lebens, die bis vor wenig Stunden bestand, plötzlich verloren". Canetti, der große
Autobiograph deutscher Sprache, wurde am Ende seines Lebens keinesfalls milde, am wenigsten
gegenüber sich selbst. "Solange ich atme, schreibe ich", notiert er:
"Aber höre ich noch zu?". Elias Canettis letzte Aufzeichnungen,
"Gedanken, die von ihrer eingeborenen Trauer leben", verlangen ein sehr genaues
Zuhören.
![[Neues Fenster] Link zu Amazon Link zu Amazon](http://images-eu.amazon.com/images/P/3446188177.03.MZZZZZZZ.gif)
Elias Canetti. Aufzeichnungen 1992-1993
Undefined. Carl Hanser Verlag, 100 Seiten.
ISBN: 3-446-18817-7
© Matthias Kehle
>
|
|
|