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Kaum hat das Jahr begonnen, kaum naht Ostern, da erscheint auch schon das "Jahrbuch der
Lyrik" datiert auf's folgende Jahr. Wie immer hat Christoph Buchwald zusammen mit einem
(jährlich wechselnden) Mitherausgeber eine Sammlung von Gedichten zusammengestellt, die im
deutsch sprachigen Raum ihresgleichen sucht. Mit Michael Krüger, selbst Lyriker, aber auch
umtriebiger Verlags-Chef, hat Buchwald einen kompetenten Partner gefunden; mit einer illustren
Mischung aus alten Größen und "Youngstern", die zum ersten Mal dabei sind, ist
das neue Jahrbuch in seiner Mischung altbewährt.
Johannes Kühn, Jürgen Theobaldy, Robert Gernhardt sind ebenso vertreten wie Ron Winkler
(Jahrgang 1973), Eva Simon (1978) oder Jan Volker Röhnert (1976). Gerade letzterer ist eine
der Entdeckungen der letzten Jahre (die übrigens einem anderen wichtigen Lyrikherausgeber zu
verdanken ist, nämlich Theo Breuer), auch wenn die Gedichte im Jahrbuch 2004 etwas bemüht
originell wirken ("... Ich hab einen sensiblen Geruchsinn/ & kein Kellnerinnenschritt
setzt/ die Tatsache außer kraft, daß, nein auch// als Zeile hätte Buchweizen,
gebrannt/ höchstens kursiv überkulinarisch Bestand..."). Wie immer wird in der
zeitgenössischen Poesie gereimt, orakelt, geschwelgt, gesungen: Alle Themen und alle Tonlagen
sind vertreten, vom angenehm zurückhaltenden der beiden Baden-Württemberger Peter Salomon
und Walle Sayer ("... da irgend jemand das garrende/ Friedhofstor geölt hat// und die
Gräber gerichtet sind,/ die Schmerzparzellen.") über Ludwig Harigs launige
Fußball-Sonette, bis hin zum Langgedicht - Thomas Kunst etwa fragt sich, "was machen sie
nur, ohne den/ Osten und die anderen warmgehaltenen Entrümpelungshierarchien."
Zugegeben, viele Texte lassen einen schalen Beigeschmack zurück. So ist es eben bei
Anthologien, die einen Querschnitt dichterischen Schreibens zeigen wollen: Für alle ist ein
wenig dabei, ein Quäntchen hier, eines da. Eines der Highlights ist ohne Zweifel Werner
Frischs "Im Faradaykäfig des Jetzt". Geschickt montiert (neudeutsch:
"sampelt") er die archaischen "Merseburger Zaubersprüche" und andere
althochdeutsche Lyrik mit Sequenzen einer Autofahrt während eines Gewitters. Daraus ist ein
rhythmisch vollendetes, dunkles und beängstigendes Gedicht geworden, dessen Bilder und
Klänge sich ins Gedächtnis brennen.
Christoph Buchwald/ Michael Krüger: Jahrbuch der Lyrik 2004.
C.H. Beck, München, 160 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 3-406-50273-3
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› Jahrbuch der Lyrik 2001
© Matthias Kehle
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