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Eine vorläufige kulturkritische These ist: Das Internet führt zur Vereinsamung des
Menschen und macht ihn kommunikationsunfähig. Technische Innovationen, die in Europa von
kritischen Tönen begleitet werden, begrüßt man in Amerika euphorisch, Autoren und
Filmproduzenten würdigen sie entsprechend.
Nun also das Internet: Pi, eine Doktorantin der Philosophie, verliert bei einem großen Feuer
alles, was sie besitzt. Sie lebt verstört, fast autistisch, bei einer Bekannten. Beim Surfen
im Internet entdeckt sie einen jungen Mann, namens JD, der ein "Nachtbuch"
schreibt und dadurch eine riesige Fangemeinde um sich schart. JD, stark selbstmordgefährdet,
schreibt an seinem "Nachtbuch", die Fangemeinde, einschließlich Pi,
kommentiert das Ganze in einem Forum. Pi gelingt es, mit JD Kontakt aufzunehmen, ein reger
Briefwechsel entsteht, der sich vor allem um den Sinn des Lebens und um Philosophie dreht. Die
Anhängerin der Kant'schen Philosophie und ihr Brieffreund kommen sich durch den Austausch
von Banalitäten näher. Beispiel: Das menschliche Gehirn ist eigentlich nicht dazu
geschaffen, sich mit der Frage, ob Gott existiert oder nicht auseinanderzusetzen. Auf fast 500
Seiten also lernt der Leser die wunderbare Welt des Internet kennen, dazu bekommt er alle
Klischees, die einen amerikanischen Schinken ausmachen: ein bißchen Tiefsinn, eine kleine
Familiengeschichte (mit einem Juden und einer Trinkerin), eine Love-Story mit Anspielungen auf
Shakespeare, ein kleines Mädchen, das alles wissen will, ein Stückchen Roadmovie, als JD
die Flucht vor seiner Fangemeinde ergreift, ein bißchen Homoerotik zwischen Frauen, die
wunderbare Landschaft Kaliforniens und ein Hauch von Gesellschaftskritik, denn der Roman spielt zur
Zeit des Freispruchs im Rodney-King-Prozess.
Wer sich gerne Hollywood-Liebesgeschichten ansieht, der wird von "Keusch wie
Eis" aufs Trefflichste bedient, denn der Roman ist ohne Zweifel süffig und spannend.
Leider gibts kein Happy-End, und ab Seite 470 sollte man schon mal Taschentücher
bereitlegen.
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Sylvia Brownrigg. Keusch wie Eis
Bestseller. Alexander Fest Verlag, 488 Seiten. 44.00 DM .
ISBN: 3-828-60079-4
© Matthias Kehle
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