|
| |
Als Rolf Dieter Brinkmann im April 1975 unmittelbar nach Erscheinen seines Gedichtbandes
"Westwärts 1 & 2" von einem Auto überfahren wurde, waren sich die
Kritiker einig: Brinkmann war nicht nur der wichtigste Vertreter der Pop-Lyrik, sondern einer der
bedeutendsten deutschen Nachkriegslyriker überhaupt.
Brinkmann hatte mit seiner Frau und seinem behinderten Kind in einer heruntergekommenen Wohnung in
einem schäbigen Kölner Viertel gelebt, immer am Existenzminimum, oft sogar ohne Strom und
Telefon. Den täglichen Kampf ums überleben schildert ein Teil der "Briefe an
Hartmut", einem Freund in Amerika, der seine Examensarbeit über Brinkmann schrieb.
Die Briefe sind eine einzigartige Fundgrube, denn Brinkmann interpretiert dem Freund seine
Gedichte, assoziiert dabei rasant, erklärt Anspielungen und bewertet die Texte aus seiner
Sicht. Er beobachtet außerdem das einförmige Leben seiner Mitmenschen, den "typisch
deutschen Mief" und berichtet davon mit faszinierender Intensität. Die Sprache und
Befindlichkeit der westdeutschen "Ziviehlisation" seziert er mal mit Witz, mal
mit Wut. Beispielsweise analysiert Brinkmann die Entführung und Freilassung des CDU-Politikers
Peter Lorenz Anfang 1975 und das hilflose und blinde Wüten des Staates gegenüber dem
RAF-Terrorismus. Viele der Briefe sind nachts im Rausch geschrieben, andere morgens,
unausgeschlafen und mit depressivem Blick auf Köln, das Brinkmann haßte und als
Inspiration brauchte. Sein Blick ging sehnsüchtig "westwärts" nach Austin in
die USA, wo er als Gastprofessor tätig gewesen war und auch Hartmut Schnell kennengelernt
hatte. In Austin erschien Brinkmann das Leben freier, und der Himmel war nicht ständig
trüb wie in Köln.
Normalerweise sind die nachgelassenen Schriften gerade Frühverstorbener allenfalls von
literarhistorischem Wert. In diesem Fall jedoch handelt es sich um einzigartige Dokumente der
deutschen Nachkriegsgeschichte. Daß die bunten 70er-Jahre gar nicht so schillernd waren, das
dokumentieren die Briefe eines intensiv lebenden und exzessiv schreibenden Ausnahmelyrikers.
Für den Nicht-Fachmann ist es übrigens schade, daß jene Stellen, bei denen
Brinkmann sich auf Hartmuts Antwortbriefe bezieht oder auf bestimmte Textpassagen aus seinen
Büchern, nicht mit Fußnoten erläutert wurden.
![[Neues Fenster] Link zu Amazon Link zu Amazon](http://images-eu.amazon.com/images/P/3498006088.03.MZZZZZZZ.gif)
Rolf Dieter Brinkmann. Briefe an Hartmut 1974-1975.Rowohlt, Reinbek bei Hamburg. 285 Seiten.
ISBN: 3-498-00608-8
© Matthias Kehle
>
|
|
|