Michael Braun;
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Das verlorene Alphabet |
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Gerade im unübersichtlichen Bereich der Lyrik erscheinen regelmäßig Anthologien, vor allem am Ende eines Jahrzehnts. Michael Braun und Hans Thill haben mit "Das verlorene Alphabet" wohl die umfangreichste Zusammenfassung der Lyrik der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts vorgelegt. Sie geben dabei im Nachwort unumwunden zu, "von den alljährlichen Feldforschungen des 'Jahrbuchs der Lyrik'" profitiert zu haben, und so finden sich in der Anthologie vor allem Autoren, die man aus den Jahrbüchern kennt, darunter viele prominente wie Walter Helmut Fritz, Peter Rühmkorff oder Reiner Kunze. Es ist ein Verdienst der beiden Herausgeber, auch unbekanntere Autoren aufgenommen zu haben, aber gerade unter den jüngeren finden sich viele mit schwachen Texten. Um so unverständlicher ist es, daß einige bekanntere junge Autoren - beispielsweise Walle Sayer - fehlen, dafür aber der literarische Mainstream überrepräsentiert ist. Silke Andrea Schuemmers "Stirnbilder: Organisches Portrait Nr. 28" las man zuvor schon in mancher Anthologie oder Zeitschrift. Im großen und ganzen ist es jedoch den Herausgebern gelungen, einen Querschnitt der 90er-Jahre zu versammeln mit all den vielen Stimmen, seien es die lakonischen, seien es die (oft überbewerteten) Sprachexperimentierer wie Dieter M. Gräf, deren Lyrik auf schnelle Effekte aus ist. überhaupt nicht vertreten sind in der Sammlung übrigens Autoren, deren Lyrik man gerne unter "Social Beat" subsummiert.
© Matthias Kehle
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