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Er ist wie ein großes naives Gemälde: Isabel Boltons Roman "Mary and
Grace." Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wachsen die beiden Zwillinge Mary und Grace zusammen
mit drei weiteren Geschwistern zunächst bei der Großmutter auf; nach deren Tod
übernimmt die Erziehung eine Gouvernante.
Die Kinder erleben eine glückliche und romantische Zeit in Connecticut. In der zerfallenden
Villa tollen sie zwischen alten Gemälden herum, im riesigen Garten zwischen Blumen,
Blüten, Büschen und Kolibris; ein glücklicher Augenblick folgt dem nächsten.
Besuche beim Vormund sind zwar langweilig, der Tod von Eltern und Großeltern erreicht die
beiden kleinen Kinder noch nicht, Krankheiten werden nur als Störungen empfunden in Vorfreude
des nächsten Sommerurlaubes am Meer. Auch die beiden Brüder, welche die Tanten und
Gouvernante mit ihrer Boshaftigkeit regelrecht zur Verzweiflung treiben, stören das friedliche
Bild kaum.
Isabel Bolton ist das Pseudonym von Mary Britton, die in den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts
mit drei Romanen berühmt wurde.
"Mary und Grace" ist ein Stück des Amerikanischen Traums zu dem eine glückliche
amerikanische Kindheit mit rosa Ferkeln, Kirchgängen und eine gesittete Erziehung
gehören. Die Autorin erzählt die Geschichte von Mary und Grace in einer schlichten und
zeitlosen Sprache ohne jegliches Pathos. Es ist der naive Kinderblick, beispielsweise in einen
Schweinestall:
... eine Reihe neugeborener Ferkel lag da, saugte an ihren Zitzen, die allerliebsten kleinen
Dinger, die wir je gesehen hatten, mit rosaroten öhrchen wie Muscheln und diesen lustigen,
flachen Schnauzen und so sauber!
Der Roman wäre nur als "herzallerliebst" zu bezeichnen, wäre da nicht eine
sanfte Melancholie, ein kleiner Schatten, den das Leben auf Mary und Grace wirft. Die Idylle wird
ganz zum Ende des Buches jäh zerstört.
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Isabel Bolton. Mary und Grace. Eine Erinnerung
Roman. Schöffling, Frankfurt.
ISBN: 3-895-61071-2
© Matthias Kehle
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