Klaus Boeldl

Studie in Kristallbildung

Johannes Grahn lebt als Hotelchauffeur in einem trostlosen Kaff in Ostgrönland. Wenn er nicht gerade die wenigen Gäste zum Flugplatz fährt, beobachtet er das Leben und die Natur. In zwei Wachstuchhefte notiert er, wie sich die vielen Arbeitslosen um den Verstand trinken, wie er sich allmählich mit einem Dorfbewohner anfreundet, wie der Winter mit braunen Wolken naht und sich das Packeis am Fjord auftürmt. Weshalb Grahn nach Grönland gekommen ist und weshalb er mit dem Wintereinbruch die Insel wieder verläßt, bleibt unklar. über seine Vergangenheit erfährt der Leser wenig, allenfalls über seine Kindheit und seine Träume. Es geschieht wenig in diesem Buch, aber dieses wenige wird von Grahn minutiös verzeichnet. Der Titel des Buches "Studie in Kristallbildung" mag einen potentiellen Leser zwar abschrecken, macht aber dennoch Sinn. Grahn verfolgt Geschichten, über die er gerne nachdenkt, "Geschichten, die vielleicht nicht wirklich etwas bedeuten, aber gerade deswegen Erinnerungen und Phantasien um sich anordnen wie ein Kristall." Die Kälte der Landschaft und die Sprödigkeit von Eiskristallen sind es auch, die den Erzähler selbst auszeichnen. Er registriert kühl und distanziert, was um ihn herum geschieht und wirkt auf viele Dorfbewohner als ein seltsamer Eindringling. Ganz so ereignislos wie geschildert bleibt der Roman nicht, denn plötzlich taucht der österreicher Markus Brack auf, der vorgibt, Grahn zu kennen. Brack nimmt die Trinkgewohnheiten der Einheimischen an und verwahrlost zusehends. Es stellt sich heraus, daß er der Bräutigam von Agnes war, welche nach einer kurzen Affaire mit Johannes Grahn bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.
"Studie in Kristallbildung" ist der Debutroman des 1964 geborenen Münchner Studenten Klaus Böldl. Es ist ein höchst irritierendes Buch eines spröden Erzählers, der die Motive seiner Flucht nach Grönland und somit seine Vergangenheit weitgehend verschweigt. Böldl arbeitet mit zahlreichen Stereotypen der Moderne: Johannes Grahns Flucht aus der Zivilisation in die nahezu unberührte Natur, seine "Entdeckung der Langsamkeit" und der Bedeutungslosigkeit von Biographien sowie - aus semiotischer Sicht - Zeichen, die auf nichts verweisen außer auf sich selbst.

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Klaus Boeldl. Studie in Kristallbildung
Roman. S. Fischer Verlag, 156 Seiten.
ISBN: 3-596-22389-X

© Matthias Kehle

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