John Berger |
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Geschichte eines Landarztes |
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Man mag sich fragen, was für einen deutschen Leser den Reiz eines recht theoretischen Essays über den englischen Landarzt Sassall ausmachen soll. Sassall praktizierte vor mehr als 30 Jahren in einer der ärmsten Gegenden Englands als einer der letzten des wohl inzwischen ausgestorbenen Berufs. Der Autor John Berger erzählt wenig aus dem Alltag Sassalls, dem alle physischen und psychischen Krankheiten und Verletzungen vertraut sind. Das alles klingt unspektakulär und nicht gerade reizvoll. Doch John Berger versteht es, sich in den Menschen Sassall hineinzuversetzen und ihn nicht nur zu portraitieren. Das gleiche gilt für die Fotografien von Jean Mohr. Berger beschreibt die Schwierigkeiten und auch Privilegien, die der einzige höher gebildete Mensch im Dorf hat, der einzige, der über die soziale Situation der Waldarbeiter und über seinen eigenen Status reflektieren kann. Für die Menschen ist er absolute Respektsperson, die überdies regelrecht Narrenfreiheit genießt und andersartig sein darf als die Dorfbewohner selbst. Zugleich ist Sassall Chronist ihres Lebens und ihrer Krankheiten; nur durch ihn erlangen die Dorfbewohner selbst Bedeutung. Sassall leidet an seinem Wissen um Krankheit und Tod sowie an seiner eigenen Unzulänglichkeit. Berger bemüht bei seinem Versuch, Sassall zu verstehen, den Existenzialismus, vor allem Sartre: Leid und Leiden entstehen nur durch das Bewußtsein eines nicht wiedergutzumachenden Verlusts, wobei jeder vergangene Augenblick ein Verlust ist. John Berger und mit ihm vielleicht der portraitierte Sassall stellen sich die Frage nach dem Wert dieser Augenblicke. Die zahlreichen Fotografien illustrieren nicht nur die Arbeit Sassalls, die Dorfbewohner und die Landschaft. Es sind vielmehr nicht wiederholbare Augenblicke des Leidens, des Alterns und des Alltags - beiläufig und unspektakulär. Sassalls Tätigkeit ist deprimierend, weil er alle Aspekte des menschlichen Seins erlebt und an sich selbst den Anspruch eines universalen Menschen hat. Gerade diese Diskrepanz macht den Reiz des Buches aus. Fünfzehn Jahre nach Erscheinen des Buches in England erschoß sich Sassall, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Er stand kurz vor seiner Hochzeit und war glücklich.
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