Lauchauflauf

aus:
Pappert-Geschichten.
Alkyon 2003

[Grafik] Das kleine Dings, lachend. Gemalt von Timo B.

Plötzlich steht eine alte Frau vor Pappert, die ihm ihren Einkaufswagen anbietet. "Ham Se ne Mark, kriegen Se meinen Einkaufswagen." Pappert fürchtet, daß ein Plastikchip aus der Parkscheibe von der Sparkasse drinsteckt oder eine thailändische Münze und schüttelt den Kopf. Die drei Plastikchips aus seiner Parkscheibe vom Weltspartag könnte er, Pappert, auf diese Weise auch einmal in drei Markstücke verwandeln, zumal die Plastikchips jedesmal dann nicht passen und die Kette nicht herausspringt, wenn er kein Markstück im Geldbeutel hat. Er wühlt im Geldbeutel und findet eine Mark. Die alte Frau tippt sich an die Stirn: "Ham se doch ne Mark, aber meinen Wagen nicht wollen."

Beim Lösen und Wiederanschließen seines Einkaufswagens sieht Pappert immer nach, ob jemand sein Markstück hat steckenlassen. Bei den Schließfächern in der Stadtbibliothek oder im Hallenbad kontrolliert er mit schnellem Blick die offenstehenden Fächer, doch so, daß ihn niemand für einen Penner hält, der auch in Abfalleimern nach Pfandflaschen sucht. Eigentlich sollte man keine Hemmungen haben. Eine Bierflasche bringt immerhin 15 Pfennige. Damit ließe sich die Preiserhöhung für Zigaretten auffangen.
Pappert geht nicht gerne einkaufen. Die beste Zeit ist morgens bis zehn. Ab zehn, spätestens elf, ist das Rentner- und Hausfrauengeschwader unterwegs. Ausgerechnet heute hat Pappert verschlafen und einen dicken Kopf. Einen Lauchauflauf wollte er kochen, einen Lauchnudelauflauf, um genau zu sein. Er nimmt eine Stange Lauch und bricht das unbrauchbare Grün ab, um ein paar Gramm zu sparen. Eine dicke Alte versperrt ihm den Weg zur Waage. Weshalb steht das Obst und Gemüse am Eingang des Geschäfts in einem schmalen Schlauch zum Verkauf, denkt Pappert. Überhaupt, warum brauchen alte Menschen immer den ganzen Bürgersteig oder den ganzen Gang? Weshalb gehen sie immer in der Mitte und strecken die Arme weit von sich? In der Oststadt beispielsweise lebt ein alter Mann, der tagein, tagaus spazierengeht, auch wenn es schüttet oder Katzen hagelt. Er stakst auf dem Bürgersteig herum und rudert mit beiden Armen; in einer Hand hält er dabei eine Zigarre, die er sich ab und zu in den Mund rammt. Wenn er einen Zug nehmen will, muß er stehenbleiben, und nur dann hat man eine Chance, an ihm vorbeizukommen.

Die alte Frau steht mit ihrem Einkaufswagen vor der Waage. Sie wiegt die Äpfel einzeln und klebt sorgfältig die Preisschilder auf. Wie wohl der korrekte Name dieser Aufkleber lautet? Pappert sieht Rosenkohl im Wagen der Frau, und zwar nicht in einer Tüte, sondern einzeln. Nein, denkt Pappert, das ist nicht wahr. Die alte Frau sammelt die Kugeln Gott sei Dank ein und legt sie zusammen auf die Waage. Beim Wiegen behält sie drei oder vier in der Hand. Sie zieht eine Plastiktüte, verstaut gewogene und nicht gewogene Kugeln und zwirbelt einen Knoten in die Tüte. Auch eine Möglichkeit, murmelt Pappert und wiegt den Lauch. Er selbst nimmt immer teure Tomaten, meistens Strauch- oder Flaschentomaten und tippt die billigsten ein, meistens matschige Fleischtomaten. Frau Antje sagt zu Lauch Porree. Dabei sind Lauch und Porree zwei Paar Stiefel, hat er ihr erklärt, genau wie Möhren und Karotten.

Schokomüsli ist im Angebot, liest Pappert. Das lohnt sich im Vergleich zu sonst. Bei zehn Packungen sind das acht Mark Ersparnis. Pappert nimmt nur zwei Packungen, weil er nicht wie sein Vater werden will.

Pappert könnte den Auflauf mit Speckwürfeln aufpäppeln. Als Soßengrundlage wird er Spaghetti-Napoli-Fertigsauce nehmen. Ein bißchen Schmand und Sherry dazu und keiner merkt's. Pappert steht vor den Fertigsoßen. Soße für Sauerbraten, Soße für Bolognese, für Kartoffelgratin, für Broccoligratin, für Gulasch, für Chili con carne. Pappert geht einen Schritt zurück, um mehr Übersicht zu gewinnen und stößt an den Filialleiter. "Pappert, sind Sie's?" fragt er, "Heute ist Pfirsichsaft im Angebot, einsneunundsiebzig." Weshalb sind alle Filialleiter unmäßig dick und tragen einen weißen Kittel, fragt sich Pappert, egal wie alt sie sind? Die Schnaps-Liesl ist auch da, stellt er fest. Sie hat graue Hosen mit Urinstreifen, trägt eine fleckige Jacke und stinkt nach Penner. "Schnaps-Liesl" wird sie von der Kassiererin genannt. Manchmal bekommt Schnaps-Liesl einen Flachmann geschenkt. Seltsam, andere bekommen nichts geschenkt, obwohl sie auch Stammkunden sind. Er zum Beispiel. Kein Päckchen Kaugummi, keinen Schokoriegel, kein Überraschungsei, erst recht keinen Flachmann. Pappert schnuppert und spürt seinen Kopf. Diesen Geruch erträgt er jetzt nicht. Der Filialleiter umschifft Schnaps-Liesl und dreht seinen Kopf zur Seite. Schnaps-Liesl lädt ihren Wagen voll Markgrafen-Pilsener. Pappert muß an Oettinger-Bier-Feten denken. Ein Kasten Bier durfte nicht mehr als zwölf Mark kosten.

Pappert wartet an der Wursttheke. Heute gibt es Winzersalami im Angebot. Seltsam, daß ihm immer der gleiche Blödsinn einfällt, wenn er Winzersalami liest: Die armen Witwen. Wieviel Wurst und Fleisch die Leute essen! denkt er. Die Frau vor ihm sieht nach Großmutter aus, weil sie ihre grauen Haare zu einem Knoten zusammengebunden hat. Das sieht man auch kaum noch, denkt Pappert, Haarnetze noch seltener. Ob die Oma- und Opaklamotten mit der sterbenden Generation auch verschwinden, fragt er sich. Beige Blousons beispielsweise und kerzengerade Hosen mit Bügelfalte?

Die Frau, die nach Großmutter aussieht, kauft sieben Sorten Wurst, darunter grobe und feine Leberwurst und Sülze sowie vier Koteletts. Die Verkäuferin nennt sie beim Namen, "Wurmscheid" oder so ähnlich. Wurmscheid, denkt Pappert, das klingt schon nach Fleischfresser. Er ertappt sich dabei, wie er versucht, in die Kette des Einkaufswagens einen Knoten zu machen. Wer einen Einkaufswagen klauen will, investiert die eine Mark, denkt sich Pappert, wer für hundert Mark einkauft und nicht alles schleppen will, nimmt den Einkaufswagen mit und schiebt ihn abends um die Ecke zwischen zwei parkende Autos. Wieviel müßte man in die Kette stecken, um auf Nummer Sicher zu gehen? Was kosten und wie lange halten Einkaufswagen?

Pappert kann Wurst- und Käsegeruch kurz nach dem Frühstück nicht ausstehen. Kollektive Frühstücksorgien nach Feten sind ihm ein besonderes Greuel. Alle quälen sich aus ihren Schlafsäcken, ein schlechtgelaunter Gastgeber mit Wischmob-Frisur und Stoppelbart tischt auf und versucht, sich dabei möglichst nicht zu bewegen, was bedeutet, daß alle Gäste zwischen Tisch und Kühlschrank pendeln. Es gibt vor allem Wurst, Käse, Eier und Büchsfisch. Und weil der Gastgeber eine dicke Rübe und einen leeren Geldbeutel hat, gibt es keine frischen Brötchen, sondern ein Körnerbrot in Form und Konsistenz eines Pflastersteins. Schokomüsli vom Aldi, das nach staubigen Haferflocken und Schokoladen-Nikolaus schmeckt, ist das beste, was auf den Tisch kommt. Noch ekelhafter ist der Gedanke an billige Marmelade in Plastikdosen und karamelfarbigen Zuckerhonig. Pappert muß würgen. Er hustet trocken. Was wollte er an der Wursttheke? Speckwürfel, erinnert er sich, die gibt es auch abgepackt, da kann er sich das Anstehen und den Wurstgestank ersparen. Ach ja, und Streukäse. Nimmt er hundert oder zweihundert Gramm? Frau Antje hat in der letzten Zeit zugelegt, also nimmt er hundert. Pappert überlegt, ob er noch Aspirin zu Hause hat. Er muß an den vergessenen Spaghetti-Topf im Studentenwohnheim denken, der wochenlang neben dem Herd stand und aus dem schließlich Würmer krochen. Warum fallen ihm ausgerechnet jetzt alle ekelhaften Dinge der Welt ein? Warum steht Schnaps-Liesl schon wieder neben mir? Warum ist nicht alles so gut wie ein Fürstenberg? flüstert er vor sich hin und rammt ihren Einkaufswagen. Die Bierflaschen fallen durcheinander. Schnaps-Liesl starrt ihn an, Pappert sieht die roten Äderchen und riecht den Urin. Sie stellt die Flaschen wieder auf. Jetzt ein Bier und ich kotze, denkt Pappert. Ein Soziologe hat tatsächlich einmal die These vertreten, je größer eine Party sei, desto weniger werde getrunken.. Angenommen, man veranstalte eine Party für 20 und eine für 80 Personen, so kosteten beide gleich viel, weil ja die gleiche Menge getrunken würde.. Wahrscheinlich macht man bei der Party für 80 noch Gewinn, weil jeder etwas mitbringt, eine Flasche Wein oder, wenn man Glück hat, sogar Baccardi.

Ganz ekelhaft ist auch zu dünner Kaffee. Besonders übel schmeckt er, wenn man ihn in einer Dreißigmark-Kaffeemaschine kocht, die kurz zuvor entkalkt wurde. Und weil sie gerade entkalkt wurde und nicht mehr binnen einer halben Stunde die Hälfte des Wassers verröchelt und verdampft, ist der Kaffee viel zu dünn und hat obendrein noch einen Hauch von Essigaroma. Frau Antje findet Aspirin mit Vitamin C ekelhaft. Pappert läuft bei dem Gedanken an die sprudelnde Erfrischung, die seine Laune binnen Minuten bessern würde, das Wasser im Mund zusammen. Er hat wohl einen Brand.

Pappert blättert noch die Zeitung durch. Einer seiner Bekannten schreibt Buchkritiken. Außerdem scheußliche Gedichte. In seinen Kritiken spielt er immer auf Kinowerbung an. Jedes Buch lasse sich mit Kinowerbung vergleichen, weil Bücher und Kinowerbung die gleiche Atmosphäre verbreiteten, so seine These. "Like Ice in the Sunshine", beispielsweise, hat er kürzlich Pappert erklärt, habe exakt die gleiche Atmosphäre wie eine Erzählung einer jungen, begnadeten und überdies hochattraktiven Autorin, die er gelesen habe und auch noch persönlich kenne, eine Erzählung jedenfalls, in der im Urlaub ständig einer mit einem Ständer in der Badehose den Strand entlanggelaufen und zum Schluß über ein Surfbrett gestolpert ist. Ein älterer Mann drängt Pappert beiseite, weil er sich die Bild-Zeitung nehmen will. Das passiert Pappert jedesmal, wenn er in einer Zeitung blättert, und jedesmal nimmt er sich vor zu sagen: 2Lesen Sie doch mal etwas Gescheites!" Aus der Bild-Zeitung fällt ein Prospekt direkt in Papperts Einkaufswagen. Er knüllt ihn zusammen und steckt ihn zwischen die Weinflaschen im Regal. Pfälzer Müller-Thurgau, drei Mark neunundvierzig. Auch ekelhaft, denkt Pappert und stellt sich an der Kasse an. Schnaps-Liesl kauft ihn manchmal. Pappert spürt die Säure des Weins förmlich und muß leicht aufstoßen.

Frau Antjes Onkel hat einen merkwürdigen Ordnungswahn. Wenn er an der Kasse warten muß, bringt er die Waren in Ordnung und sortiert sie. Er sortiert die Zigarettenschachteln nach Marken und schimpft dabei lautstark über Kunden, die diese durcheinanderbringen. Er sortiert die Kaugummipackungen nach Farben und schiebt sie in ihrem Behälter so zusammen, daß sie eine Reihe bilden. Wenn er nicht alles schafft, bis er an die Reihe kommt, hat der den ganzen Tag schlechte Laune. Am liebsten sortiert er Überraschungseier, so daß sie im Karton alle auf einer Seite stehen oder aber in Reihen. Eine Reihe Eier, eine leere Reihe, eine Reihe Eier, eine leere Reihe und so weiter.
Pappert fragt sich, wie man den roten Balken nennt, den man hinter seine Waren legt, aber es fällt ihm nicht ein. Warenbalken, Trennbalken; wahrscheinlich ist Balken ohnehin das falsche Wort. Er könnte seinen dichtenden Buchkritikerbekannten fragen, aber dieser würde dann ein Gedicht über die Melancholie beim Einkaufen oder die Agonie von Kassiererinnen schreiben, und dafür möchte er, Pappert, nicht verantwortlich sein. Im Radio kam einmal eine Hörerumfrage zum Thema: Was ist spießig? Eine Hörerin rief an und meinte, es sei spießig, wenn man diesen Balken hinter seinen Einkauf lege.. Als Pappert nach der Sendung den Balken einmal demonstrativ nicht verwendete, drängte ihn eine alte Frau beiseite, beugte sich über das Förderband und donnerte den Balken hinter Papperts Einkäufe. Pappert legt statt des Balkens den Lauch quer, die Kassiererin kapiert es nicht und tippt noch die Urinsteine ein. Pappert ruft: "Halt!" Er vermutet, daß er für das Ignorieren des Balkens eine Rüge erhalten wird, aber die Kassiererin sagt nichts, sondern storniert die Urinsteine. Quatsch, es heißt WC-Steine, fällt Pappert ein. Dabei muß er an einen absichtlichen Versprecher eines besonders witzischen Moderators beim Wetterbericht denken: "Am Morgen scheißt die Nonne. Äh." Er gibt der Verkäuferin einen Zwanzigmarkschein, zählt das Geld, das er zurückbekommt, und findet dabei eine Bank-Deutscher-Länder-Münze. Leider schon wieder nur ein Zehnpfennig-Stück; davon hat er mindestens dreißig.

© Matthias Kehle

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Last modified: 02.09.2008, 19:45.


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