Jim Avignon.
Vom Sprayer von Karlsruhe zu British Airways
Portrait
Aus:
Boulevard Baden 22. Juli 2001
Er gehört zu den erfolgreichsten deutschen Pop-Künstlern: Swatch-Uhren und Flugzeuge von British Airways tragen Motive von Jim Avignon, er hat tausende Bilder verkauft, das Video zu seiner letzten CD lief einen Monat lang täglich zweimal bei Viva. Am meisten stolz ist Jim Avignon jedoch darauf, dass BBC-Legende John Peel, der schon Jimi Hendrix endeckte, einen seiner Songs rauf- und runterspielte: "Er hat auf der CD-Hülle nur 'Neoangin' gelesen und wusste nicht wer das ist," erzählt Avignon, "danach hat er viele Briefe und E-Mails bekommen."
Jim Avignon erzählt gerne augenzwinkernd von seinen Anfängen in
Karlsruhe und den Kehrseiten des Ruhms. Anfang der 90-er Jahre
besprühte der heute 36-Jährige die Brücken der Südtangente, illegal, versteht
sich: "In der Presse wurde heftig diskutiert, ob das Kunst sei oder nicht", erinnert er sich. Das
ging so lange gut, bis sich ein Freund bei der Flucht schwer verletzte und Jim Avignon das
Graffiti-Sprühen aufgab. In Karlsruhe legendär war seine Band Three man pissing
in the rain: "Wir haben uns beim Jubez-Nachwuchsfestival mit einem Schmuse-Tape beworben,
um dann polternden Punkrock zu spielen." Die Bühnenshow war spektakulär, die Jungs warfen
mit Mehl, sprühten Sekt, zerstörten ihre eigenen Bühnenbilder und mehr noch: "Von
einigen Verleihern bekamen wir bald keine Anlagen mehr." Im Rückblick erscheint ihm die Musik
wie ein "Eintopf aus allem, was wir damals toll fanden." Zum Zivildienst musste
Jim Avignon nach Mannheim und lernte das Bahnfahren lieben: "Mit dem
Tramper-Monatsticket bin durch Deutschland getourt. Ich liebe es heute noch, in
Karlsruhe zu frühstücken, in Heidelberg Mittag zu essen und abends in München zu
feiern." Damals malte Jim Avignon fast nichts ("mein Kunstlehrer hatte Schwierigkeiten mit mir").
Ende der 80-er Jahre sagte er jedoch in Mannheim spontan für eine Ausstellung zu und malte in
einer Woche alle Exponate. Fünf bis 20 Bilder malt er am Stück, "ähnlich wie bei
einer Platte mit 12 Titeln entstehen eben 12 Bilder". Farblich und thematisch sind es ganze
Serien, wenn er auch sein jeweiliges Thema dabei widersprüchlich beleuchtet. Gefragt,
wie er seine Bilder und Musik bezeichnen würde, sagt er nach einer kurzen Pause: "Als
neo-existenzialistische Short-Stories." Die existenzialistische Lebenshaltung
gefällt ihm, "bei mir spielt aber mehr Humor mit." Avignons
Grundthema ist das "Scheitern des Individuums". "Das ist an sich
düster und nicht sehr populär, aber die Farben und die Form, wie ich es darstelle, die
sind es." Der eine findet seine Kunst heiter, der andere bitter. "Das Schweben zwischen diesen
Polen ergibt einen künstlerischen Näherungswert ans wirkliche Leben" - ein bisschen
erinnert das an Charly Chaplin.
Jim Avignon verliebte sich in Berlin und lebt dort seit 1990 (?). Bis der
große Durchbruch kam, vergingen noch einige Jahre. "Ich war viel in Clubs
unterwegs," erinnert er sich, "in leerstehenden Hallen oder besetzten Häusern ist viel
passiert. Da musste schnell von einem Tag auf den anderen etwas gemalt werden, bevor nachts die
Parties stiegen", so Jim Avignon, "das entsprach meinem Arbeitsstil." Der Werbeindustrie ist diese
Szene nicht verborgen geblieben: "Tekkno war das neue Ding, und ich war das
'Kunstding'".
Der Rummel brachte auch merkwürdige Geschichten mit sich. Einmal hatte Jim Avignon den
Auftrag, eine vermeintliche Surfweltmeisterschaft zu dekorieren, doch es stellte sich bald heraus,
dass diese eine penetrante Werbeveranstaltung für eine große Zigarettenmarke war: "Die
haben mir das verschwiegen, dafür habe ich sie an der Nase herumgeführt und zwei Wochen
lang die Logos von anderen Firmen gemalt."
Jim Avignon, der rasende Maler und Musiker, verkauft seine Bilder für ein
paar hundert Mark an normale Menschen und für viel mehr Geld an Reiche und an Firmen, endlos
viele Ideen und Projekte hat er schon umgesetzt. Immer wenn der Rummel um ihn besonders groß
wird, tritt er bewusst ein wenig kürzer, um nachzudenken: "Es gibt gerade ein Trickfilm- und
ein Spielfilmprojekt", sagt er, "es wird sich zeigen, ob etwas daraus wird." Er weiß nicht,
ob er sich wünschen soll, dass es klappt, denn im vergangenen Jahr hat er für den WDR
vierzig kurze Trickfilme gezeichnet, "eine irre Arbeit". Vielleicht geht der Musiker
Neoangin auch auf Europatournee, vielleicht zieht sich Jim Avignon auch, wie schon
oft, ein wenig zurück: "Ich habe einen Schalter, den ich umlege, wenn die
Karrierekurve zu steil wird."
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